noch lange nicht.

„Liebe Sonne schei-ei-ne, dann sind wir nicht alei-ei-ne. Zeig‘ mir wo die Beeren stehen, dann können wir schnell nach Hause geh’n“… Schneeweißchen und Rosenrot war es wohl auch noch nicht warm genug – zumindest mitten im Wald. Das Jäckchen gehört noch ins Stadttäschchen. Dies gilt besonders, wenn man sich draußen verträumt hat und es plötzlich und unerwartet vor dreiundzwanzig Uhr noch dunkel wird. Dann ist die schöne Frühlingssonne weg und der warme Duft der in Dioxin gehüllten Sommerstadt noch nicht da. Die Kühle lassen wir dann ruhig und schaurig auf uns wirken und es gelingt: Gundermanns unvergessenes »Fernseher aus – Sternschnuppen an!« Weg ist sie, die Kälte.

Langsam kriecht auch die Müdigkeit aus den Gliedern. Jugendweihe im Mai, Anbaden im Mai, Radtouren im Mai, Bikertreffen im Mai (für schwangere Anitas und so) und es soll ja auch noch ganz Eilige geben: Hochzeit im Mai…
Sagte jener große Dichter, dessen besonderer Zuständigkeitsbereich u. a. Aprilscherze waren, schon im letzten Jahrtausend:

Warte noch zwei Tage, Schätzchen – denn dann blüh’n die Maienkätzchen! Und der Mai kennt noch mehr Nasen, die auf krausen Rasen grasen.

Wo er recht hat, stehen eine Zeitbestimmung und drum herum Maienkätzchen. Oh Pisa! (Das ist ja wenigstens ein Ort!). Wie erklär‘ ich das meinen Kindern, die einstmals die Deutschförderstunden besuchten, da sie Unterschrift unentwegt mit ie schrieben, weil sie diese für den Akt des Gegenzeichnen von Geschriebenem in der Vergangenheit hielten, also eigentlich für ein Verb. Diese Willensbekundung entsprang durchaus einer natürlichen Intelligenz, die da gepaart mit intuitiver grammatikalischer Bewusstlosigkeit zu einer ausgeprägten Lösungsgewissheit gesteigert wurde. War es pädagogisch falsch, wenn ich einfach sagte: „Du schreibst Unterschrift falsch?“ Überging ich mit dieser verlogenen Entscheidungsfrage nicht die frühlingshaften Denkfiguren, die entdeckergleichen Regungen Heranwachsender gegenüber ihrer Muttersprache? Dass sie Unterschrift mit einem Großbuchstaben begonnen hatten, war nur dem lustigen Umstand geschuldet, dass die Süßen ohnehin fast alle Wörter groß schreiben.

Bei der Frühlingssonne schwand zu allen Zeiten die Lust, um erzieherische Glanzleistungen zu ringen. Bis heute ist die Institution Schule der lebendige Beweis, dass die Schere zwischen faktologisch Unverdaubarem, womit heute unzählige Wikis und Hausarbeiten befüllt werden und hinreißenden Suchergebnissen nach dem, was die Welt im Innersten zusammenhält, wovon eher das Leben außerhalb der Schule kündet, so weit aufgerissen ward, dass in meine Wohnung kaum noch mehr Blüten passen. Inzwischen pflanzt man schon auf den Balkonen und in den Vorgärten, und ich Stadtpflanze bin auf die Fensterbretter ausgewichen.

So hatte ich mir, noch bevor mich die langen Gesichter der Pubertät verstummt anschauten, schnell angewöhnt, beim Pflanzen, Kochen, Einkaufen nach der Schreibweise von Salami, Speiseeis und Spaghetti Bolognese zu fragen. Die, ob des winkenden Zaunspfahls, erschrockenen Gesichter,  entglitten vermutlich, als die lieben Kleinen dann mit Einkaufszetteln ihre Alltagstauglichkeit beweisen sollten. Da kam es schon vor, daß ich im Gegenzug corn flakes, cracker und chicken wings nach der großen Tat buchstabieren sollte. Würden wir uns allzeit nur über Hühnerflügel unterhalten – aber genau das geht am Leben gründlich vorbei – so wäre ein Diktat keine harte, sondern eine Genuß.

Da möchte man unseren reformfreudigen Kultusministerinnen und -ministern zurufen, die Berthelsmann so schnell und unbürokratisch reich machen konnten: Es ist doch Frühling, und es reicht noch lange nicht…

Heute bin ich froh, dass die Schulzeit der Kinder Geschichte ist, dass sie endlich etwas Vernünftiges lernen und noch besser, dass sie endlich vernünftig lernen: Methoden, Ideen, Theoriegebilde und widerstreitende Annahmen über das, was die Welt im Innersten zusammenhält. Da sind Zahlen durchaus wieder mystisch und klar, Gleichungen schön und unlösbar, Sprache rhythmisch und – siehe da, die Geschichte des Denkens selbst erweist sich als rauschhafte Odyssee des Begreifens. So ein kleiner Stich Frühlingssonne könnte weder der Bildungspolitik noch anderen energetischen Entscheidungsfragen schaden.