Senftenberg. Drei Schauspieler und der Intendant, Sewan Latchinian, begrüßen ihr Publikum. Das 3. GlückAufFest beginnt. Dario Fos „Bezahlt wird nicht“ wird der Auftakt für eine ausufernde Theaternacht. Das Leben wirft die ehrenwerten Orientierungen gründlich durcheinander, verlangt das Umwerten der Ereignisse, einen neuen Zusammenhalt, um aus dem Dasein mehr als einen Existenzkampf zu machen.

So überhöht das Spiel, so haarscharf landet es mitten in der Wirklichkeit. Dann teilen und begegnen sich die Zuschauer in kleinen Stücken, Filmen und Gesängen.

Fragt bei ausverkauften Theatern jemand nach deren Zukunft? Bürgerliche Aufklärung ist passé, eine postindustrielle Sinnsuchmaschine hingegen wird gebraucht. Die „neue Bühne“ Senftenberg ist der Beweis. Sie erhielt Preise und Ärger mit den Gewerkschaften, als sie ihr Spektrum bei mageren Löhnen aufrecht erhielt. Sie ist Theater und Jugendklub, bietet Räume für öffentliche Debatten und verwandelt sich, wenn nötig, in ein Organisationzentrum gegen Naziaufmärsche. Der Intendant sucht allen Ernstes Verbündete im weltweiten Kampf zwischen Kultur und Barbarei, frei nach dem Motto Kierkegaards: „Gelebt wird vorwärts, begriffen rückwärts.“ Er mischt sich kulturpolitisch ein, kämpft für Kultur als Pflichtaufgabe der Kommunen. Sein knappes Argument: „Kultur kostet, doch Unkultur kostet mehr“.

Die vielseitigen Theaterkonzepte in Anklam, Schwedt, und in der Lausitz sind bemerkenswert: „Theater wieder in das gesellschaftliche Zentrum zu rücken, mit und in ihm öffentliche Räume zu okkupieren, es zum Mittelpunkt gesellschaftspolitischer Bewusstseinsbildung zu machen, als Baustelle städtischer Identität zu begreifen – um nichts weniger als dies geht es in einer Situation, in der Arbeit als gemeinschaftsstiftendes Moment für große Teile der Bevölkerung weggebrochen ist, in der Kommunen Insolvenz anmelden und nur noch im Notbetrieb arbeiten, in der öffentliche Kommunikation gemeinhin den Massenmedien anheim fällt, in der sich kollektive Identitäten im Nebel der globalen Verfügbarkeit auflösen oder Kinder und Jugendliche in der Freizeit meist sich selbst und den leeren Bushaltestellenhäuschen oder rechtsradikalen Freizeitangeboten überlassen sind..“ (1)

Gerade hat das 6. GlückAufFest geendet. Wer etwa der Ödnis des Berliner Theaterherbstes entfliehen möchte, sollte zu diesem glücklichen GRAB(B)E- Fest nach Senftenberg fahren. (2) Zu spät, aber das 7. GlückAufFest kommt ganz sicher.

Infos zur Neuen Bühne

1 Kristina Volke, Der Wandel der Kulturlandschaft – Über strukturelle Krisen und ihre Potentiale zur Innovation. In: KULTURATION, 2/2006, zit. 30. Nov. 2009

2 Theater der Zeit, 11/2009

 

Kalenderblatt August 2010 – Lausitzkalender