Förderbrücke als Kulturdenkmal

Förderbrücke F60 als Kulturdenkmal (Foto: DPOM)

Was mir bei der Diskussion zentral erscheint, ist der offene Prozess und die Notwendigkeit einer Öffnung. Ich habe gestern den Spaziergang durch den Tagebau Welzow geführt und möchte kurz schildern, wie es im Tagebau Golpa-Nord war. Zu den Spaziergängern kamen innerhalb von vier Jahren bis zu 7.000 Besucher z. T. bis aus Hamburg angereist, und sie haben 21DM Eintritt bezahlt. Sie können davon ausgehen, dass in fünfzig Jahren keiner aus Hamburg nach Gräfenhainichen anreisen wird, um dort in ein Segelboot zusteigen oder um dort baden zu können. Ich möchte dafür appellieren, den Raum zu öffnen – öffnen für Spinner, für Spieler, für Fremde, die ganz andere Sachen machen wollen. Erst so kann etwas Neues entstehen.“ (1 und 2)

Erst kamen die Bagger, dann kommen die Spinner und machen schon mal spektakulär darauf aufmerksam, dass es Orte gibt, an denen sich der gestresste Manager ausruhen kann. In Ostdeutschland erproben nicht wenige Bürger ohne Arbeit, in der Gegenwart solcher Touristen ihre eigene Zukunft. Um wenigstens ansatzweise die touristische Brille abzulegen ohne die Distanz zu verlieren, braucht es Menschen, die mit dem „Nicht mehr | noch nicht“ (3) besonders gut zurechtkommen. Die Spinner. Sie sind selbst zumeist die Zwischenfiguren, die z. B. Großstadtgebiete solange bevölkern, bis ihre Aktionen sie aufgewertet haben, bis die potente Mittelschicht hinterher gezogen ist. Dann sind die meist selbst prekär lebenden Sinnsucher längst weitergezogen und erobern das nächste runtergekommene Viertel. In der urbanen Dichte sind diese Wanderungen Alltag, gehört das Leben der Nichtsesshaften zum Inventar der Lebensformen. Vergleichbares gilt in wesentlich gröberen Rastern schon immer in der Weitläufigkeit der Bergbauregionen. Doch nach den Spinnern in den Brachen der Zwischenlandschaften kommt dann keine Mittelschicht für immer herbei, sondern häufig das Gras, die gigantische Seenlandschaft, der Park oder der mitteleuropäische Urwald. Dabeihat es den im Spreewald schon immer gegeben, abseits der touristischen Wasserarme. Wer in Alt Zauche im nördlichen Spreewald in den Kahn steigt, bekommt eine Ahnung, was eine Auszeit ist. Weder Gurkenverkäufer noch Kaffeefahrtgetränke zerstören die gespenstische Ruhe. Sie haben einfach nur dreißig Meter hohe Bäume und ein Unterholz um sich herum, das nicht einmal der Förster betreten darf. Entweder beschleicht einen unwillkürlich die Vorstellung, wie aus diesem Urwald dereinst die Kohle wurde oder man grübelt ohne Punkt und Komma, was das alte Bergbaugerät wohl für einen Urwald aus Schienen, Förderbücken und Elektromasten hinterlässt, die reizvoll underhaltenswert sein könnten und auf ihre Weise die Geschichte des Bergbaus erzählen. Ohne diese Geschichte keine Seenlandschaft, ohne ihre Zeichen, keine Ideen inmitten der werdenden neuen Landschaft. „Ein Teilnehmer aus Polen brachte zum Ausdruck, wie gewinnbringend er es empfindet, wenn bereits in der Phase des aktiven Tagebaus über die spätere Nutzung des Gerätes und der Landschaft nachgedacht wird. Für ihn war dies das wesentliche Ergebnis dieser Konferenz.“ (4)

Jetzt schreiben wir 2010 und die Tage der Braunkohle sind längst nicht gezählt. Das ist klimapolitisch grenzwertig. Man kann Vattenfalls Pläne politisch bekämpfen oder zu Übergangstechnologien erklären. Man kann und muss abwägen zwischen Herausforderungen des Klimawandels und aktuellen Lebensbedürfnissen. Nur eines geht überhaupt nicht. Die Gewinne der Gegenwart privatisieren und Probleme der Zukunft sozialisieren. Diese Politik können alle europäischen Fördermittel, wie EFRE und Rechar (Fonds zur Überwindung der Monostruktur in Bergbauregionen), nicht ausgleichen. Statt Reparaturfonds brauchen wir wesentlich mehr Zukunftsfonds für Spinner und die Menschen, die morgen in der Lausitz leben wollen. Wer fordert endlich eine Spinnerabgabe für Energieunternehmen, die der letzten Braunkohle hinterherjagen.

(1) „Bergbaulandschaft und Bergbaugerät nach dem Bergbau – war der Titel einer Konferenz der Internationalen Bauausstellung (IBA), 12 – 14. Oktober 2000 in Finsterwalde. Der Kommentar ist von Bertram Weisshaar.

2  In: Dokumentation zur Konferenz „Bergbaulandschaft und Bergbaugerät nach dem Bergbau“, 2001, S.113f.

3  Nicht mehr | Noch nicht war der Titel eines Dokumentarfilmessays von Daniel Kunle und Holger Lauinger,welches Schrumpfungsprozesse und die Offenheit der Brachen an unterschiedlichen Orten in Europa diskutiert. Das Ende der großen Industrie ist kein ostdeutsches Problem.

4 a.  a. O., S. 108

Kalenderblatt Okotber 2010 – Lausitzkalendern