2006 hatte Essen gegen Görlitz bei der Bewerbung um den Kulturhauptstadttitel für 2010 gewonnen. Jetzt ist es soweit. Das ganze Ruhrgebiet ist in diesem Jahr neben Pécs in Ungarn und Istanbul in der Türkei zur Kulturhauptstadt Europas 2010 auserkoren. Über das Ereignis Ruhr 2010 ist eine öffentliche Debatte entbrannt. Immerhin. Sie wird hoffentlich das Jahr der Events überdauern.

Die Konflikte sind kurz beschreibbar: Das klassische Stadtmarketing im Wettbewerb europäischer Metropolen der Ruhr.2010 GmbH guckt wie ein Kaninchen vor der Schlange auf potentielle Investoren. Die konsequente Förderung unterschiedlicher Kulturen aus der Region, einschließlich der sogenannten creative industries und ihrer eigenen prekären Problemlagen, hat dagegen das Nachsehen. Kurz gefasst grassiert die Gefahr, dem Event Kulturhauptstadt die Nachhaltigkeit zu opfern. Man spürt die Beschränkung auf avancierte Kunst und städtebauliche Äußerungen anstelle der Darstellung eines konfliktreichen Prozesscharakters kultureller Integration durch mutige, sperrige, offene Kunst-, Kultur- und Geschichtsprojekte. Die EU-Förderung steht überdies konträr zu einer intransparenten Planungsmacht. Auch über die öffentlichen Gelder bestimmen die Sponsoren im Initiativkreis Ruhr und die Ruhr.2010 GmbH. Das Ergebnis sind kurzweilige und kurzzeitige Hochglanz-Zukunftsbilder einer (x-beliebigen) Metropole im Mythos der heilsbringenden Kreativwirtschaft.
Es wäre für die Lausitz mit ihrer 10jährigen behutsamen Laborarbeit der Internationalen Bauausstellung an- und aufregend gewesen, wenn das Ruhrgebiet 2010 als spannungsreiche lebendige Metropole mit Geschichte, Potenzialen, Umbrucherfahrungen und interessanten Ergebnissen aufwarten würde. Als 2. Sieger hat die Lausitz ein Recht darauf. Denn die Energiemetropole Lausitz verkraftet gerade eine beispiellose Deindustrialisierung ohne Jahrhunderthalle und Weltkulturerbe. Sie war nie die europäische Ankunftsregion wie das Ruhrgebiet, sondern hatte eher mit ihrer beamtisch-urbanen Schwester Berlin das Kommen und Gehen der Glücksucher erlebt. Die Lausitz war immer auch Durchzugsregion in den Wanderströmen Mitteleuropas. Krabats Sagen erzählen europäische Geschichte. Die Förderbrücke F60, eine liegende Schwester des Eiffelturms, gehört heute schon fast zur schönen Wirtschaft, zur touristischen Kulturgeschichte der europäischen Industrie. Also beendet den langweiligen Metropolenwettbewerb an der Ruhr und erzählt endlich von euren Eigenheiten. Davon haben die Menschen in der Lausitz viel mehr, als sich demnächst auch noch mit London vergleichen zu wollen. Geht ohnehin nicht, die Lausitz hat bald viel mehr Seen zwischen ihren städtischen und dörflichen Gemäuern als jede andere Landschaft Europas.

Kalenderblatt Dezember 2010 – Lausitzkalender