Ostern_Frühlingserwachen

Ende der Fastenzeit

Meine Freundin hat’s ja gut getroffen, schenkten ihr nämlich Freunde einstmals zu einem dieser unverschämten Geburtstage im Leben einer Frau ein Kunstwerk, welches ein gut funktionierender Dildo in Form des würdevollen Johann Wolfgang war. Extraklasse war die batteriebetriebene Skulptur auch jenseits der künstlerischen Ambitionen. Durch diesen Fanartirkel aus dem Goethejahr 2001 konnte der Geheimrat nun ganz in Schwarz und aus feinstem beweglichen Gummi wirklich in jeder Lage geneigte Aufnahme finden. So kommt man doch auch und übergangslos zum Osterspaziergang.

Mehr Rausch als Bettenschütteln ohne dass Holles Schneeflocken noch tanzen, ist doch im Moment wohl kaum zu haben. Robert Merle ließ den Terroristen in »Madrapour« immerhin sagen: Sex ist auch eine Art Meditation über den Tod. Hingegen sind die klassischen Rauschmittel, wie Fressen und Saufen, gerade den guten Vorsätzen, der Frühlingsdiät oder dem Fasten, mindestens doch der längsten Leberhochleistungspause des Jahres gewichen. Nun haben sich alle erst drei Wochen verbal, dann ein bis zwei Wochen tapfer der Askese hingegeben, haben die Kulturgeschichte und alle anderen Schmiermittel herbeigerufen, um den Verlust von Gewohnheit zu ertragen, und… Immerhin sagt man dem Fasten auch rauschhafte Wirkungen nach, zumindest wird die Motorik angeregt, was für die Verwirklichung der auftretenden Lustgefühle aufs Fensterputzen nur gut sein kann. Für nicht nur „mehr Licht“, sondern heute auch für mehr Klarheit.

Irgendwas hat das mit Berliner Verhältnissen zu tun, für die sich langsam die ganze Republik interessiert, weil sich eine einstige grüne Verbraucher- und Agrarministerin anschickt, das rote Rathaus zu erobern.

Schauen wir ein Jahrzehnt zurück: Berlin, Hauptstadt von Filz und Korruption, ein Bundesland wie jedes andere? Nein, Berlin war Trendsetter. Leere, geplünderte Stadtkassen, jammernde Besitzstandsbewahrer und das ewige Finger-von-sich-weg-Zeigen, wann immer jemand die Schuldfrage stellte. Also auch hier galt – erst Fastenzeit andeuten, dabei Fensterputzen und dann frühlingsfrischen Widerstand leisten, obwohl nicht jedes Grüppchen so genau wusste, gegen wen. Die Bordkapellen auf sinkenden Schiffen wären doch wirklich nur unsympathisch, wenn sie keine Musik mehr spielen würden.

Die Anforderung war hoch. Das sinkende Schiff wurde damals Rot-Rot anvertraut. Die SPD wurde bestimmt gewählt, damit erträgliche Kontinuität beim Entschlüsseln der Logbucheinträge gewahrt blieb. Die neue Koalition navigierte Berlin durch eine Finanzkatastrophe und mehrere Verfassungsgerichtstermine, kämpfte erfolgreich gegen die Privatisierung der Sparkasse. Nun könnten wir viel Licht und manch Schatten dieses Regierens ausufernd erzählen. Doch interessant war in jedem Fall, dass Bürgerinnen und Bürger durch rot-rote Gesetze gleich mehrmals das Mitbestimmen erprobten: Flughafen Tempelhof, Pro Reli, Wasserbetriebe. So ganz außerhalb von Wahlterminen hat hier ein demokratischeres Berlin einen neues Politikstil erproben können. Und was immer an für und Wider von den jeweiligen Sachdebatten übrig bleibt, sie sind auf jeden Fall gut gegen das schleichende Gift der Politikabstinenz, goldwert und sinnvoll.

Jetzt machen sich die Grünen flott und es scheint, dass Trends überhastet in klare Richtungen weisen, statt ruhig und besonnen die ersten Sonnenstrahlen des Frühlings wirken zu lassen. Es ist alle Zeit, sich einmal auf die Hügel zu begeben, die in und um die Wohnstätten Berlins zu schönen Sichten einladen. Die Hügelchen Berlins sind Brocken unglaublicher Geschichten und Geschichte, steht man nun vor der Judith-Auer-Straße in Berlin-Hohenschönhausen oder schauen wir vom Kreuzberg zum Potsdamer Platz.

Frühlingserwachen. Beim ersten Zwitschern kann man sich gut sammeln, um die wichtigen alten Fragen wieder zu stellen und zu gucken, wer auf den Höhen spazieren geht und besonnen seine Erfahrungen sotiert, um neue Antworten in die Debatte zu werfen.


Selbst von des Berges fernen Pfaden
Blinken uns farbige Kleider an.
Ich höre schon des Dorfs Getümmel,
Hier ist des Volkes wahrer Himmel,
Zufrieden jauchzet groß und klein:
Hier bin ich Mensch, hier darf ichs sein!

Mehr Diesseitigkeit ist nicht zu haben. Und ich, ich warte nicht ‚mal insgeheim auf eine Einladung für das Wort zum Sonntag für demokratisch Minderbemittelte. Ich gehe jetzt raus und predige Rot-Rot als interessante Erfahrung, die viel zum Zusammenwachsen der Stadt, selbst für wirtschaftliche Ansiedelungen und gar für Menschen versucht hat, die raus aus der 1 Euro Job-Schikane wollen. Allerings fehlt mir bis heute oft der auf dem Wege zurückgelassene Kultursenator Flierl. Er hätte wenigstens Messer und Gabel für die geschenkte Einheits- und Freiheitssalatschüssel dazu geordert und ansonsten wirklich Stadt und einiges mehr als die nette Mittelstandskultur im Kopf gehabt. (Immerhin treibt er sein Unwesen in der Max-Lingner-Stiftung, die frisch sortiert in Pankow besucht werden kann.)

Für gewöhnlich blasen ganzjährig eisige Wind aus dem Raumschiff Bundestag, der ist schließlich mit eingeschlepptem Karneval auch in Berlin zu Hause. Rauhe winterliche Rückzugsgebirge sind das allerdings nicht. Auf diesen Wimpfeln hockt die schwarz-gelbe Konfusion und glotzt über die rot-rote Stadtmacht hinweg, befasst sich mit Dollarkrisen und neuerdings auch mit ökologischen Wenden, wenn sie denn dem Export dienen. Dazwischen zischen nun die Grünen herum, die zurecht auf den unter Druck geratenen Kessel der atomaren Energieapostel gezeigt haben. Lange schon und zweifelsohne ist dies ein Verdienst.

Schrill rufen sie nun in die Hauptstadt hinein: Wir können auch Stadt!!! Nun ja. Hamburg. Nun ja. Stuttgart und das Gezetere um einen Volksenscheid zum ungeliebten unterirdischen Bahnhof. Der Herr Kretschmann entdemokratisiert sich von Woche zu Woche und ich bin immer unschlüssiger, ob sie Stadt und Land wirklich können… Irgend ein Blatt hat getitel, dass dem Herrn Kretschmann der Stresstest noch bevorsteht. Gut, so haben es die daheimgebliebenen Brüder und Schwestern der Mehrheitsbewohnerschaft aus dem Prenzlauer Berg gewollt. Bei Mappus ist ihr Widerständle absolut verständlich. Aber Berlin ist nicht Stuttgart und auch nicht Böblingen. Wir haben einen objektiven Stresstest mit Haushaltsnotlage und anderen Unwirtlichkeiten längtshinter uns. Deshalb: Im Frühling ist erstmal Luft holen angesagt, Nachdenken und Revue passieren lassen, wer in der Stadt wirklich neue Wege gegangen ist, bei der Arbeit, bei der Integration, für Frauen und auch in einer Debatte um eine dezentrale städtische Energiegewinnung von morgen … Da muss ich wirklich nicht auf den Trend starren, da gibt es genügend Stücken Kernseife mit denen die Roten ordentlich Schaum schlagen sollten.