Kultur und Arbeit II

Über das Senftenberger Theater, die „Neue Bühne“, schrieb eine Kultursoziologin vor nicht all zu langer Zeit: „Die erste von 23 Uraufführungen, die er während seiner ersten Spielzeit auf die Bühne bringen will, war Volker Brauns „Was wollt ihr denn“ – ein makaber inszeniertes Stück über die ewige Freizeit, den freudlosen Zwangsurlaub im Arbeitslosenparadies, wie die Lausitz es sich anschickt zu sein. Latchinians Konzept ist es, Theater für die Dagebliebenen zumachen, das vorhandene Publikum ernst zu nehmen.…“ [2] Die Kultursoziologin fand das gut. Sie sah darin die Zukunft kultureller Institutionen in Regionen, die von Arbeitslosigkeit und Abwanderung geprägt sind. Später werden wir erkennen, dass wir von der Zukunft Europas sprechen.

Mitte Oktober begann die Große Koalition, eine Debatte über „Unterschichten“ zu führen. Jene, sollte man an diesem diskriminierenden Begriff festhalten wollen, werden gern als bildungsbürgerfreie Zone beschrieben, vornehm als bildungsferne Schichten, wobei im Dunkeln bleibt, wer da gerade das Recht hat, zu definieren, was Bildung heute ist. Franz Müntefering, offenbar von der Wirklichkeit gänzlich verlassen, löst alle Probleme, indem er Klassen und Schichten aus unserer bunten Republik verbannt. In der bekannt gewordenen, noch unveröffentlichten Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung, die den Unterschichtenbegriff gar nicht benutzte, wurden allerdings soziale Schichten gar nicht untersucht, sondern die Selbstbilder von Menschen katalogisiert. Im Ergebnis verstünden sich Menschen als Zugehörige zu Gruppen, die in einer Spanne von „Leistungsindividualisten“ bis zum „abgehängten Prekariat“ einteilbar wären. [3] Das klingt schon eigenwillig genug, ist aber hier nicht Gegenstand weiterer Betrachtungen. Die Dramatik der Studienergebnisse beginnt bei der Einschätzung der Perspektiven der Menschen, die bis weit in die Mitte der Gesellschaft hinein als düster und extrem unsicher eingeschätzt werden. Interessant an der Studie ist allerdings folgendes. In jeder gesellschaftlichen Gruppierung gibt es politisch motivierte Menschen, die den Wandel gestalten wollen, die sich verantwortlich fühlen, gesellschaftliche Integration zu gestalten. Ein Ansatzpunkt, ein Hilfeschrei an die politische Öffentlichkeit. Immerhin.

In diese Debatte hinein plante die Linkspartei ihre Kulturkonferenz, mit Gästen aus anderen Parteien, aus Kultur und Wissenschaft. Aktueller konnte die Veranstaltung nicht sein.

(Der gesamte Konferenzbericht erschient Ende 2006 im Online-Journal Kulturation)