Kultur und Arbeit IV

Das Senftenberger Theater, die „Neue Bühne“, vor Augen, forderte eine Kultursoziologin vor nicht all zu langer Zeit: „Theater wieder in das gesellschaftliche Zentrum zu rücken, mit und in ihm öffentliche Räume zu okkupieren, es zum Mittelpunkt gesellschaftspolitischer Bewusstseinsbildung zu machen, als Baustelle städtischer Identität zu begreifen – um nichts weniger als dies geht es in einer Situation, in der Arbeit als gemeinschaftsstiftendes Moment für große Teile der Bevölkerung weggebrochen ist, in der Kommunen Insolvenz anmelden und nur noch im Notbetrieb arbeiten, in der öffentliche Kommunikation gemeinhin den Massenmedien anheim fällt, in der sich kollektive Identitäten im Nebel der globalen Verfügbarkeit auflösen oder Kinder und Jugendliche in der Freizeit meist sich selbst und den leeren Bushaltestellenhäuschen oder rechtsradikalen Freizeitangeboten überlassen sind..“ [5] Die Kulturkonferenz der Linken hat begonnen. Die Teilnehmer sprechen von der Zukunft Europas, von der Zukunft von Arbeit und Kultur. Sie analysieren, suchen Auswege. Gerd-Rüdiger Hoffmann, Landtagsabgeordneter der Linkspartei.PDS in Brandenburg, kämpft schon länger für die öffentliche Kommunikation durch die „Neue Bühne“. Selbst als Organisationszentrum gegen Naziaufmärsche hat das Theater schon funktioniert. Jugendklub, Debatten, dürftige Bezahlung… „Egal“ , sagte der Intendant: „Schwierigkeiten sind keine Probleme, sondern interessante Aufgabenstellungen.“ Dabei suchte er ganz ernsthaft Verbündete im weltweiten Kampf zwischen Kultur und Barbarei, frei nach dem Motto Kierkegaards: „Gelebt wird vorwärts, begriffen rückwärts.“ Er plädierte dafür, Kultur zur politischen Pflichtaufgabe zu machen, was dann zu munterer Debatte anregte, doch immerhin hatte er ein knappes Argument parat: Kultur kostet, doch Unkultur kostet mehr. Wolfgang Lenk von der WASG führte uns anschließend in Kritiken des Geistes des Kapitalismus ein. Der Kapitalismus speist sich noch immer, so entwickelte Lenk nach Luc Boltanski [6], ganz gut von seinen eigene Kritikern. Anregendes gipfelte in der Forderung, die sozialen und die kulturellen Kapitalismuskritiken endlich zusammenzubringen. Das kann sich die neue Linke gut hinter die Ohren schreiben, denn wir müssen genauer hinsehen, wenn durch neue Arbeitsbeziehungen, menschliche Freiheit und Kreativität nur noch ausgebeutet und kontrolliert werden. Dafür braucht die Linke ebenso klare Gegenstrategien, wie bei Forderungen nach Umverteilung des gesellschaftlichen Reichtums.

Karin Baumert, Stadtsoziologin, erzählte das Märchen vom Dornröschen neu. Auf welchen Prinz will die Region warten, wenn man an der Tropical-Island-Cargo-Lifter-Halle und dem Lausitzring vorbei fährt? Die gelebte Schrumpfung ist das Potenzial. Das Wachstumsparadigma liegt endlich auf dem Tablett. Wir schauen mit ein bisschen Konsequenz tief in den Nord-Süd-Konflikt. Gemeinwesen und öffentliches Eigentum bekommen eine neue Bedeutung. Statt „die Arbeit ist alle“ und Leitsätzen, wie: „Du wirst es schon schaffen“, sollten wir endlich über die Zukunft Europas reden, so war Baumerts erstes Fazit. Wo die Kapitalakkumulation abwesend ist, ist der Beteiligungshaushalt nicht weit. Die Mahnung an die linken Kulturpolitiker folgte auf dem Fuße.

Karin Baumert

Karin Baumert: Gelebte Schrumpfung ist das Potential (Foto: DPOM)

Dietrich Mühlberg, Kulturwissenschaftler, spitzte die Prognose der Arbeit und der Kultur zu und meinte, dass es jungen Leuten ganz egal ist, ob in Berlin ein oder drei Opern sind. Er mahnte, die modernen Kulturtechniken nicht außen vor zu lassen und die virtuellen Netzwerke ernst zu nehmen. Die Kulturpolitiker, so Mühlberg, scheinen immerhin eine Ahnung von der Problematik zu haben, in der Bildungspolitik sah er völlige Düsternis an dieser Stelle. Die Linke braucht mehr Kultur, mehr Kulturaustausch zwischen den alten und den neuen Lebenswirklichkeiten, nicht als Ornament der Ansprache, sondern als Lebenskonzept.(Der leicht gekürzte Text des Vortrags hier auf kulturation 2/2006.)

Zum Abschluss der Konferenz erfüllte das Theater in Senftenberg seine neue Funktion. Die Referentinnen und Referenten des Tages stellten sich der öffentlichen Debatte, mit dabei die kulturpolitische Sprecherin der Fraktion DIE LINKE., Lukrezia Jochimsen, und wurden zu ganz irdischen Ansagen einer breiten Kulturförderung, vom Theater bis zu kleinen Unternehmen überredet. Anknüpfungspunkte für Politik, Alltag und die nächsten Konferenzen gab es viele, weshalb die Teilnehmer und Gäste mindestens mit der kulturellen Utopie von der unentfremdeten Arbeit nach Hause fuhren, hoch motiviert.

[1] Kristina Volke, Der Wandel der Kulturlandschaft – Über strukturelle Krisen und ihre Potentiale zur Innovation. In: KULTURATION, 2/2006, zit. 18. 11. 2006.
[2] Ebd.
[3] Vgl. dazu die FES-Veröffentlichung
[4] Kristina Volke a.a.O.
[5] Kristina Volke a.a.O.
[6] Vgl. Luc Boltanski, Ève Chiapello: Der neue Geist des Kapitalismus, Konstanz 2003.