oder Krabat für mindestens ein ganzes Jahr

„Viele Bauern hatten auf Neujahr ein Schwein geschlachtet, sie beschenkten die Herren Könige aus dem Morgenlande reichlich mit Wurst und Speck. Ansonsten gab es Nüsse und Backpflaumen, Honigbrot, manchmal Schmalzküchlein, Anisplätzchen und Zimtsterne. ‚Das Jahr fängt gut an!‘“ (1) sagt Lobosch zu seinen beiden Gefährten. Einer davon heißt Krabat. Diese eisigen Tage zwischen den Jahren sind für die wendischen Betteljungen eine willkommene Ausnahme. Und trotzdem träumt Krabat von des Raben rauher Stimme, von einem Ort, an dem er Zauberlehrling wird, der schwarzen Mühle in Koselbruch bei Schwarzkollm. Es ist der Ort, an dem sich Krabat zwischen einer fesselnden Macht der Gegenwart und einer offenen Freiheit der Zukunft entscheiden wird. Popkulturell verkürzt heißt dieser sinnliche Machtkonflikt wohl heute: Geld oder Liebe.

Die Orte, welche die Sagengestalt Krabat durchquert, um die Magie der Macht kennenzulernen, lesen sich wie ein Handbuch der östlichsten Kulturgeschichte Deutschlands zwischen Blues, Film und Literatur. (Neu)Petershain und Hoyerswerda allein würden genügen, um ein poetisches Dreigestirn des 20. Jahrhunderts wieder oder neu zu entdecken: Jurij Brězan (1916 – 2006), Brigitte Reimann (1933 – 1973) und Gundi Gundermann (1955 – 1998). Keiner kommt an Krabats faustischen Konflikten vorbei, die noch so ganz ohne die Nöte einer sich selbst fressenden Industriekultur den Geist der Lausitz beherrschen. Erzählt in über 30 Sprachen, erkundet in Steinen, Bildern und Träumen. Am bekanntesten ist Otfried Preußlers Jugendbuch Krabat. Es erhält europäische Preise, gehört zur Schulliteratur, im vergangenen Jahr ist nach seiner Vorlage eine zweite Verfilmung entstanden, mystisch, dunkel, halbfertig. Wen wundert es, dass all die Literaten, Poeten und Filmemacher der Neuzeit den sorbischen Sagenstoff als kritische Masse gegen Macht und Ohnmacht aufgreifen? Vor genau 35 Jahren entsteht der erste Krabatfilm von Celino Bleiweiß für das Fernsehen der DDR. Die schwarze Mühle ist eine Verfilmung nach Jurij Brězan mit Klaus Brasch als Krabat und Leon Niemczyk als schwarzem Müller. Unvergesslich, fast vergessen.

Der sorbische Sagenstoff lässt sich als europäischer Weltenroman weitererzählen. In Brězans Krabat oder die Verwandlung der Welt, flicht Peter Handke in ein virtuoses Vorwort (2003) ein: „Und so könnte das Lesen sogar befruchten, dass der Volksheld der Sorben kein Einheimischer ist, sondern ein Dahergelaufener, ein Fremder, ein Legionär – wenn nicht gerade vom Balkan, so doch sagen wir, von einer dalmatinischen Insel.“ (2)Verwirrt? Nein. Die Lausitz ist eine europäische Region. Und dies nicht erst seit der schwedische Staatskonzern Vattenfall die fesselnde Macht der Jetztzeit verkörpert.

(Kalenderlatt Januar 2010 – Lausitzkalender)