(Teil 1 – zu Gramscis Kulturverständnis – Intro innerhalb einer AG der Frühlingsakademie der LINKEN, EJB Werbellinsee/Brandenburg, 19. Mai 2011)

These 1

Der Hegemoniebegriff zielt – neben der politischen Analyse von Kräfteverhältnissen – auf eine kulturelle Begründung politischer Ideen

Gramsci hat den Hegemoniebegriff für die Einheit von Herrschaftsformen entworfen, die über das Kapitalverhältnis hinaus, in den Institutionen des Überbaus – wie Schulen, Theater, Kirchen, Vereine und Parteien – geprägt werden. Er erkennt, dass die Zustimmung der Unterdrückten, sich nicht nur aus einem nackten ökonomischen Abhängigkeitsverhältnis speist. Institutionen der Zivilgesellschaft spielen beim Erhalt der Herrschaftsstrukturen neben dem Staat (im engeren Sinne) eine enorme Rolle.  „Wie entsteht aus diesen Strukturen die historische Bewegung?“, lautet Gramscis[1] Frage, nachdem sich nicht die Ideen der Oktoberrevolution, sondern ein europäischer Faschismus ausbreiten. Gramsci lieferte damit Anstöße für moderne politische Theorien, die auf ein funktionelles Zusammenspiel mehrerer Herrschaftsverhältnisse setzen. Feministische und queere Theorien verweisen schon lange auf die Verschränkung des Kapitalverhältnisses mit dem historisch älteren Patriachat und dem Rassismus. [2]

Bei Gramsci lernen wir auch, dass Krisenzeiten, in denen Kapitalfraktionen neue Anlagesphären durch Krieg oder durch die Durchsetzung technologischer und arbeitsorganisatorischer  Innovationen erobern, zuerst auf die innere Widersprüchlichkeit der bürgerlichen Gesellschaften zeigen, als über diese hinaus. Damit wurde die Analyse der realen Kräfteverhältnisse für Strategen einer sozialistischen Bewegung und einer parteipolitischen Linken entscheidend. Eine parteipolitische Linke, die den Emanzipationsanspruch alle Herrschaftsverhältnisse zu beseitigen nicht aufgeben wollte, hatte demnach eine differenzierte Transformationsstrategie vor sich.

Was Gramcsi bei der Ausarbeitung des Hegemoniekonzeptes bewegte, klingt in einer modernen Lesart folgendermaßen: „Der Kapitalismus ist in vielerlei Hinsicht ein absurdes System:  Die Arbeitnehmer haben ihre Eigentumsrechte an dem Produkt ihrer Arbeitstätigkeit und die Möglichkeit zu einem unabhängigen Erwerbsleben verloren. Die Kapitalisten hingegen sind an einem endlosen, unersättlichen, durch und durch abstrakten Prozess gekettet, der von der Befriedigung der Konsumbedürfnisse – und seien es auch Luxusbedürfnisse – losgelöst ist. Aus Sicht beider Protagonisten fehlt es einer Beteiligung am kapitalistischen Prozess im Grunde in erheblichem Maße an Plausibilität.“ (Luc Boltanski/Ève Ciapello, 2003) [3]

Gramsci hat zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg mit seinem Hegemoniekonzept versucht auf Fragen zu antworten, die mit den ersten großen Niederlagen der internationalen Arbeiterbewegungen und ihren parteipolitischen Organisationen aufgeworfen waren und die auch heute aktuell sind. Heute sind die Erfahrungen alter und neuer Emanzipationsbewegungen hinzugekommen: wie die nationalen Befreiungsbewegungen, ein neuer Feminismus, soziale und ökologische Bewegungen. Die Hegemoniefrage im Wechselspiel von Staat, Markt und Zivilgesellschaft, die Frage nach Chancen gegenhegemonialer Kräfte steht noch immer. Im Sinne Gramscis müssen wir bei der Analyse der Verschränkung von Herrschaftsverhältnissen und bei der Analyse historisch-konkreter Kräfteverhältnisse darauf auch neue Antworten geben.

Wir wissen selbst, dass der Fall der Berliner Mauer Futter für die weltweite neoliberale Hegemonie war. Wir wissen, dass die linken Parteien in Europa strategisch weitgehend ratlos sind. Wir ahnen, dass die Lehman-Pleite mehr die Konflikte zwischen langfristig und kurzfristig agierenden Kapitalfraktionen offenbart hat, als zwischen Herrschenden und subalternen Klassen – zumindest in reichen Ländern. Was wir nicht wissen, ist, ob die BRIGS-Staaten den Währungskrieg zugunsten des Dollar beenden oder ob eine neue Finanzkrise die Produktionsbasis und die westlichen Gesellschaften nachhaltig erschüttert? Wir wissen auch nicht, was dies für die Krise der Politik, z. B. für den weiteren Aufstieg des Rechtspopulismus in Europa bedeuten könnte.

Gramscis Hegemoniebegriff fordert dazu heraus, die Lösung sozialer (und ökologischer) Fragen auch kulturell zu begründen. Sozialistische Politik wird m. E. nur als Gerechtigkeits- und Freiheitsversprechen ernst genommen. Ihre Ziele müssen einen Zugewinn an individueller und kollektiver Gestaltungsmacht in die gesellschaftlichen Debatten bringen. Damit sind Demokratiefragen, ob vor Ort oder in der EU entscheidend, – und zwar nicht nur hinter den Werkstoren, nicht nur als Wirtschaftsdemokratie, sondern auch vor den Werktoren.

Gramscis Konzepte für eine neue politische Strategie der Linken inmitten des aufkommenden Faschismus, war auch visionär. Der Zusammenbruch des sozialistischen Weltsystems ist schließlich nicht allein ein Punktsieg für den Kalten Krieg des Westens. Er entstand auch, weil innere Widersprüche statt lebendig bewegt, herrschaftlich erstickt wurden. Damit wurde die hegemoniale Ausstrahlung nach außen und innen brüchig.

These II

Gramscis Hegemoniekonzept ist ein produktives Missverständnis

Vielleicht war Gramscis Hegemoniekonzept ein produktives Missverständnis in der Geschichte Marxschen Denkens. Erst zwei Jahre nach Gramscis Tod erscheinen Marx‘ Grundrisse der Kritik der Politischen Ökonomie vollständig.[4] Diese Vorarbeiten zum Kapital enthalten den Umriss eines Kulturbegriffs, der an die praktische, tätige (aneignungsorientierte) Subjektorientiertheit der Feuerbachthesen anknüpft:

Persönliche Abhängigkeitsverhältnisse (zuerst ganz naturwüchsig) sind die ersten Gesellschaftsformen, in denen sich die menschliche Produktivität nur in geringem Umfang und auf isolierten Punkten entwickelt. Persönliche Unabhängigkeit, auf sachlicher Abhängigkeit gegründet, ist die zweite große Form, worin sich erst ein System des allgemeinen gesellschaftlichen Stoffwechsels, der universalen Beziehungen, allseitiger Bedürfnisse und universeller Vermögen bildet. Freie Individualität, gegründet auf die universelle Entwicklung der Individuen und die Unterordnung ihrer gemeinschaftlichen, gesellschaftlichen Produktivität als ihres gesellschaftlichen Vermögens, ist die dritte Stufe. Die zweite schafft die Bedingungen der dritten…[5]

Dieses Kulturstufenkonzept – noch in der groben Logik der Formationstheorie abgefasst – kommt, wie die „Grundrisse“ selbst, völlig ohne das starre Basis-Überbau-Schema aus.  Es erfasst Entwicklungsmöglichkeiten der individuellen Subjekte. Es ist geeignet, sowohl die kulturellen Veränderungen in der unmittelbaren materiellen Produktion zu besichtigen, als auch für die Analyse „abgeleiteter sekundären und tertiären Produktionsverhältnisse“.

Unter denen erfasst Marx dann Kunst, Wissenschaften, Politik, Religion in den Grundrissen. Menschliche Kulturen – und deren große Unterschiede – sind in diesem Ansatz nicht länger ein eng gefasstes Überbauphänomen, sondern entwickeln sich in allen gesellschaftlichen (Widerspruchs)ebenen, in denen sich die spezifischen Lebensbedingungen einer Epoche angeeignet und dabei historisch spezifische Fähigkeiten, Fertigkeiten und Bedürfnisse entwickelt werden. Diese Kulturstufen sind auf den gesamten (Re)produktionsprozess bezogen und entfalten sich sowohl in der unmittelbaren (kapitalisierten) Erwerbsarbeitswelt als auch in allen anderen Lebensbereichen.

Die Universalisierung der Bedürfnisse und Fähigkeiten und die ungleiche Verteilung der Möglichkeiten ihrer Befriedigung und Ausübung – kurz der kulturelle Grundwiderspruch der bürgerlichen Gesellschaft – holte Gramcsi mit seinem Hegemoniekonzept in die politischen Auseinandersetzungen zurück. Damit gelang es ihm, dass Basis-Überbau-Schema wieder zum Schwingen zu bringen. Die Sphäre des ideologischen Austragens komplexer Widersprüche der Gesellschaft ist in der Praxis nämlich alles andere als ein Überbauphänomen.  Sie hat Produktionsstätten (Presse, Medien), staatliche und zivilgesellschaftliche Institutionen (Schulen, Kirchen, Gewerkschaften usw.)  [6] [7]

Für Gramsci waren in der Ausarbeitung seiner politischen Theorie alle Subjektebenen – individuelle, kollektive und Klassensubjekte – von Interesse. Seine Beschäftigung mit Intellektuellen und mit Alltagskulturen, mit Parteien – als moderne kollektive Subjekte des Handelns –, die klassen- und gruppenübergreifend sind –, belegen dies.[8] Gramscis Hegemoniekonzept und Marx Kulturstufenkonzept aus den „Grundrissen“ bestimmen die kulturelle Seite der Produktionsverhältnisse, indem sie ein historisches Brennglas auf die tätige Aneignungspraxis individueller Subjekte legen und nach ihrer realen – herrschaftssichernden und herrschaftsüberschreitenden –  Funktion im Produktionsprozess fragen, egal ob sie dominant handwerklich-praktisch, sorgend und pflegend oder schöpferrisch-vermittelnd arbeiten.


[1] Gramsci in Kritik zu Bucharin (zitiert nach F. Deppe, Politisches Denken zwischen den Weltkriegen, VSA Verlag 2003, 233

[2] Der geistige Background der Außenpolitik Bushs war Huntingtons Konzept vom Kampf der Kulturen. Diese Bibel des westlichen Rassismus begleitet den Kampf um die letzten Ölreserven, die energetische Basis herrschender Kapitalfraktionen. Obamas Rede am 4. Juni 2009 in Kairo hatte da schon andere kulturelle Töne, in denen eine Politik der Kooperation, ein Schwenk zu multilateralen Strategien zumindest angekündigt wurde.

[3] Dies schreiben Boltanski/Ciapello in der Einleitung ihrer hinreißenden Analyse vom „neuen Geist des Kapitalismus“. Das Gespenst, das dereinst die soziale Frage aufwarf und diese sagenhafte Absurdität des Kapitalismus zu immer neuem Konsens zwang  und auch die neuen Gespenster, die mit der Entkolonialisierung und oder dem neuen Feminismus auf Emanzipation von unterschiedlichen Unterdrückungsverhältnissen drangen, all dies hat der Geist des Kapitalismus bisher erfolgreich „assimiliert“. Siehe Luc Boltanski/Ève Ciapello „Der neue Geist des Kapitalismus“, 2004, S. 43

[4] Kautsky hat 1903 zwar die Einleitung in der Neuen Zeit herausgegeben. Das Gesamtwerk mit überarbeiteter Einleitung erscheint erst nach 1937.

[5]Siehe: Grundrisse der Kritik der Politischen Ökonomie: MEW, Bd. 42, S. 105; Es ist aber davon auszugehen, dass sich Gramscis Ausgangspunkt bei der Basis-Überbau-Konstruktion auf das Vorwort zur „Zur Kritik der Politischen Ökonomie“ (MEW, Bd. 13, Vorwort, S. 9/10) bezieht, folgt man seiner eigenen Zitierweise: „Die Produktionsweise des materiellen Lebens bedingt den sozialen, politischen und geistigen Lebensprozess überhaupt. Es ist nicht das Bewusstsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein bestimmt. Auf einer gewissen Stufe ihrer Entwicklung geraten die materiellen Produktivkräfte der Gesellschaft in Widerspruch mit den vorhandenen Produktionsverhältnissen oder, was nur ein juristischer Ausdruck dafür ist, mit den Eigentumsverhältnissen, innerhalb deren sie sich bisher bewegt hatten. Aus Entwicklungsformen der Produktivkräfte schlagen diese Verhältnisse in Fesseln derselben um. Es tritt dann eine Epoche sozialer Revolution ein. Mit der Veränderung der ökonomischen Grundlage wälzt sich der ganze ungeheure Überbau langsamer oder rascher um. In der Betrachtung solcher Umwälzungen muß man stets unterscheiden zwischen der materiellen, naturwissenschaftlich treu zu konstatierenden Umwälzung in den ökonomischen Produktionsbedingungen und den juristischen, politischen, religiösen, künstlerischen oder philosophischen, kurz, ideologischen Formen, worin sich die Menschen dieses Konflikts bewußt werden und ihn ausfechten…“ Sowenig man das, was ein Individuum ist, nach dem beurteilt, was es sich selbst dünkt, ebenso wenig kann man eine solche Umwälzungsepoche aus ihrem Bewußtsein beurteilen, sondern muß vielmehr dies Bewußtsein aus den Widersprüchen des materiellen Lebens, aus dem vorhandenen Konflikt zwischen gesellschaftlichen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen erklären.“

[6] Denn ob das Sein das Bewusstsein oder das Bewusstsein das Sein bestimmt, ist fast nur im Rahmen der Grundfrage selbst von Interesse. Materie und Bewusstsein im gesellschaftlichen Funktionsprozess auseinander zu dividieren, wurde wohl zu einem der Kardinalfehler in manch platter Marxrezeption. Bei Marx Notiz zu den sekundären und tertiären Produktionsverhältnissen in den Grundrissen findet sich auch der Hinweis: „Hier Einspielen internationaler Verhältnisse.“(a.a.O., S. 60). Auch diesen Aspekt hat Gramsci bewegt und damit seine Rezeption nachhaltig beeinflusst (siehe Hans Jürgen Bieling: Die Transnationalisierung des integralen Staates. In: Hegemonie gepanzert mit Zwang…, Sonja Buckel, Andreas Fischer-Lescano (Hrsg., Berlin 2007)

[7]Konzepte vom Unternehmer der eigenen Arbeitskraft zielen ins Herz der neoliberalen Organisation der materiellen Produktion und sind somit nichts anderes als der kulturelle Ausdruck von Deregulierungsstrategien. Sie knüpfen nahtlos am protestantischen  Arbeitsethos an und verlagern dies in eine Art existentielle Motivation, indem dieses Konzept die arbeiterliche Kultur mit den Bedürfnissen nach selbständigem Handeln und individueller Verantwortung koppelt. Die objektiven Bedingungen des Durchsetzens dieser Ansprüche werden dabei gleich mit subjektiviert und entinstitutionalisiert und sind damit Teil der großen Privatisierungsstrategien – hier auf der Ebene der individuellen arbeitenden Subjekte.

[8] Er vertrat daher auch die Idee, dass alle Menschen Intellektuelle seien, aber bisher nicht alle in der Gesellschaft diese Funktion ausüben. Siehe Heft 12, nach Gramsci: Marxismus und Literatur: Hamburg 1983, S. 59