Rausch des Sommers II – Helgoland im Juni

Der Lummensprung. Das große Ereignis der kleinen Insel.

Helgoland

Oberland Helgoland

Über die Fahrt mit der Fähre am Sonntag, den 19. Juni, ab Büsum wollen wir schweigen. Windstärke 8 bis 9. Arme Tagesbesucher. Da hingen sie über den Tüten und mussten mit anhören, dass die letzte Fähre nicht erst 16 Uhr, sondern wegen weiter aufkommenden Sturms schon um 15 Uhr ablegt. Zweimal die Schaukel des Grauens für 44 Euro, ein Schälchen Milchreis und Tee auf dem verregneten Inselrundgang und Würgereflexe bei Eiergrog und frischem Fisch. Toller Tag. Helgoland. Nein Danke.

Helgolandentdecker machen keine Tagestouren, denn Zigaretten, Parfüm, Schokolade und Whisky sind ohne Fährfahrkarte preiswerter. Sie bleiben einige Tage. Sicher, für Langläufer, Joggerinnen, Wandersleute ist die Insel schnell umrundet, durchkreuzt und abgemessen. Das reicht nicht zum Aufwärmen. Für Augenmenschen ist die Lage der Insel goldrichtig und die Größe der Insel, die Vielzahl der Orte und Getiere zum Staunen, Schauen und Sehen unerschöpflich. Allein der bizarre Umstand, dass gleich zwei kleine Inseln zwei Welten eröffnen, braucht mindestens zwei Tage, um die ersten Begegnungen mit Miniaturfelsen, Vogelbrutplätzen, Wolkentürmen, dreiseitigen Meereshorizonten, mit Lummen, Möwen, Kegelrobben und Seehunden, mit Austernfischern und Eiderenten zu verdauen.

Lange Anna vor Helgoland - Foto: Ulrich Lamberz

Lange Anna vor Helgoland - Foto: Ulrich Lamberz

Eine kleine Runde auf dem Oberland  und man bleibt mindestens eine Stunde vor dem Lummenfelsen stehen, um den 400 Vogelarten umherflattern.  Staunend und zum Greifen nahe schaut man den gelassenen Starts der Basstölpel zu. Sie gipfeln in einer Segelwende, die einen aufregenden Moment, einen vom Wind erzwungenen gefühlten Stillstand hinlegen, um in der nächsten Sekunde in einen rasanten Gleitflug seitwärts in die Lüfte abzudrehen. In dem Moment atmet man wieder ein, tiefer als zuvor, schließt halb die Augen und genießt die Sehnsucht nach dem Fliegen, spürt die Macht der Grenzüberschreitung. Die schönen Vögel sausen davon, die Gedanken hinterher und alles ist gut.

Vorm Lummenfelsen ragt die lange Anna aus dem Meer, das Wahrzeichen Helgolands.

Badedüne Helgoland - Foto: Ulrich Lamberz

Badedüne - Foto: Ulrich Lamberz

Eine kleine Runde auf der Badedüne. Da kommt man nur zu Wasser vorbei. Wir wurden vom Inselkenner Hans Stühmer linksherum geführt und standen eine Minute vom kleinen Flugplatz entfernt an einem der schönsten Strände, am Nordstrand. Den Menschen gehört die Badedüne nur bedingt. Kegelrobben lagern dort in Grüppchen und verkörpern den unanfechtbaren Sinn der Faulheit. Robben und die Seehunde verweisen uns innerhalb der kleinen Landfläche aufs Nebengleis der Schöpfungsgeschichte. Wir haben sie zu respektieren. Wer eine gute Kamera hat, tut dies ausgiebig, bis ihm plötzlich ein vergnügter Austernfischer vor die Linse hopst, den unser Reisebegleiter mit Käse füttert und außerdem zu berichten weiß, dass das nächste Stück der Austernfischerin gebracht wird.

Austernfischer - Foto: Ulrich Lamberz

Austernfischer - Foto: Ulrich Lamberz

Vor uns spazieren die Helden eines existenten Idylls. Sie sind angetreten, um ein  expressives Schauspiel hinzulegen, welches nur aufgeführt wird, wenn die Landverbindung zwischen beiden Inseln im Schubkasten blinder Investoren bleibt.

Lummenfelsen - Foto: Ulrich Lamberz

Lummenfelsen - Foto: Ulrich Lamberz

Der Lummensprung. Der Grund des Kommens findet bei Dämmerung statt, damit die Möwen, die solch ein Lummenbaby gern mal schnappen, nicht mehr so gut sehen. Doch Gefahren kommen nicht nur aus der Luft, sondern auch von unter der Wasseroberfläche, weshalb die Ebbe, die Zeit der Wahl zu sein scheint, obwohl die kleinen Lummen da auch mal auf dem Sand landen. Das ist wohl die geringste aller Unwägbarkeiten beim Fliegenlernen. Als wir einem fetten Abendrot entgegen, den Bauch voller köstlichem Knieperfleisch, laufen, werden die lärmenden Schreie der Kleinen und der Großen immer lauter. Direkt am Felsen ist die Hölle los. Ein Gekreische und Geschwatze: „Nö, noch nicht…“, „Mach jetzt mal, Du kannst das…“ auf lummisch in allen Facetten. Drei Tapse nach vorn, zwei zurück, aufgeregtes Geschubse, die Perlenketten im Felsen schlingern unruhig herum.

Vorm Lummenfelsen

Vorm Lummenfelsen

Ab und an, mehr Ahnung als klare Sicht in der Dämmerung, stürzt ein kleiner Vogel  los. Am Fuße des Felsens laufen junge Leute mit Sturzhelmen und sammeln die Jungvögel auf. Die werden beringt, bevor der letzte kleine Lauf ins Wasser zurückgelegt wird. Man braucht wohl einige Abende, wie diese, um die Abläufe dieser Initiation umfassend zu verstehen.

← Vorheriger Beitrag

Nächster Beitrag →

Add a Facebook Comment

2 Kommentare

  1. Welches ist das Plugin an der Seite ? Das brauche ich!

    • kasonze

      Zolton.org heißt es, gibt es in jeder Social Network Plugin-Liste.
      Viel Spass kasonze

Schreibe einen Kommentar