Im Februar 2007 schrieb Peter Kowalla ins virtuelle Gästebuch der Gemeinde Haidemühl: „Einst habe ich in Haidemühl Kohle verarbeitet, jetzt verarbeiten sie Haidemühl zu Kohle! Traurich aber wahr, bald ist Haidemühl nicht mehr da!“(1)Erstmalig wird Haidemühl 1548 als Gosda urkundlich erwähnt. Die einstige Industriegemeinde Gosda-Haidemühl existiert heute im Internet, in Fotos, in Erinnerungen, in Forschungs- und Kunstprojekten, in der praktizierten Umsiedlungsplanung. Doch all diese Fundstücke, in denen viel Vergangenes neben zu wenig Zukünftigem seinen Platz sucht, erblassen noch immer vor der unumstößlichen Tatsache: Die einstige Erde unter den Grundmauern Haidemühls wird einfach durch unsere Stromleitungen wandern. Unser Licht leuchtet auf dem Rücken einer neuzeitlichen Umsiedlung. Über die Hälfte der Haidemühlerinnen und Haidemühler lebte zur Jahrtausendwende schon länger als 35 Jahre in jenem Ort, der mit der Brikettfabrik und der Glashütte groß und mit stillen Teichen, hohen Bäumen und einer weitläufigen Dorfanlage vertraut wurde. Am 30.06.2000 unterschreiben Gemeindevertreter von Haidemühl und die Lausitzer Braunkohle AG (LAUBAG) den Haidemühlvertrag. Manche sagen, ohne Not. Darin verpflichtet sich die LAUBAG, „die Umsiedlung in einer den Bedürfnissen der betroffenen Einwohner entsprechenden Weise zu planen und durchzuführen.“ Nicht alle sind ins neue Haidemühl – inzwischen made by Vattenfall – gezogen. Die von Städteplanern gefeierte Umsiedlung hinterlässt Gräben in der Erinnerung, nicht nur im Erdreich. Und die reichen viel weiter, als nur bis zu aktuellen Bedürfnisse und Erfahrungen im neuen Wohnraum, inmitten fehlender Siedlungslandschaft, mit neuen Arbeitsmöglichkeiten und brüchiger Nachbarschaft.

„Soll doch die Spur von unseren Erdentagen nicht einfach durch den Schornstein gehen“, schreibt die Soziologin Simone Hain über die Suggestionskraft des Baggerfahrers und Sängers Gerhard Gundermann. Pflichtbesuch im Tagebau, bevor da einer einen Stromzähler installiert, wird uns kurzerhand empfohlen.(2) Doch bevor eine neue Behutsamkeit des Unsereins in diese Welt kommt, bevor ein gravierender Wandel in der Energieversorgung passiert, steht der politische Wille von Mehrheiten gegen Geld durch Kohle für Minderheiten. Doch wie soll sich eine solche Energiedemokratie gegen (und mit) LAUBAG und Vattenfall & Co entwickeln, wenn die nächste Arbeit immer wieder in der Kohle liegt. Die Mehrheit ist umgesiedelt und wagt einen Neuanfang mit offenem Ausgang. Sie kann nicht heute, nicht morgen in andere Energien investieren. Dazu fehlen ihr die Macht und die Ressourcen. Oder kann die Mehrheit doch?

Gundermann packte seine Utopien in ein warnendes Gewand: „Wenn wir den Planeten zu sehr belasten, dann wird er uns wieder abschütteln, abschaffen. Es ist nicht entscheidend, ob das Proletariat der Totengräber des Kapitalismus sein kann, aber der Kapitalismus wird der Totengräber der menschlichen Zivilisation sein. Wenn die ihn machen lässt.“ (3)

1 letzter Zugriff 29. Nov. 2009

2  siehe unter der Zwischenüberschrift Unsereins: Simone Hain: Gernegroß, der GunderMANN. In: Alaska, 246, 2004 oder auf Linksnet, letzter Zugriff 29. Nov. 2009

3 Gerhard Gundermann. Gespräche mit Hans-Dieter Schütt. Rockpoet und Baggerfahrer. 1996, S. 276

(Kalenderlatt Februar 2010 – Lausitzkalender)