Rausch des Sommers IV – Die Drogenduftorgel

Preussische Spirituosen Manufaktur, Berlin-Wedding

Preussische Spirituosen Manufaktur, Berlin-Wedding

„Über 200 Duft- und Geschmackstoffe aus Blüten, Kräutern, Wurzeln, Rinden und Samen machen die Drogenduftorgel der Preussischen Spirituosen Manufaktur zum Ausgangspunkt sämtlicher Kompositionen.“ Wer immer dies ins Faltblättchen einer ungewöhnlichen Weddinger Destillieranstalt geschrieben hat, bekommt den Preis für die Wortschöpfung der Woche, verliehen vom hiesigen Blaue-Stunden-Blog. Doch deshalb lohnt es kaum, die Tastatur zu quälen. Der tiefe Grund ist die Preisung hochprozentiger Kunst.

Gestern hatte ein Freund Geburtstag. Wegen guter Erfahrungen mit Genuss spendenden Geschenken radelte ich vom Alex in den Wedding. Eindeutig, die Straßen führen durch Berlin. Auf jeden Fall durchkreuzte ich auf dieser Strecke Berge von Holzspielzeug, wo einsmals Klubsszenen zu Hause waren. Sie zogen die Böblinger Jugend an, um später von derselben rausgeklagt zu werden. Bilinguales Tischtennis und Bio-Hundefutter brauchen schließlich auch ihren Platz. So kreisen die Partyszenen konzentrisch um die neuen Grünwähler-Hochburgern. Das Grünwählen veschmilzt in dieser neuen Mitte bestens mit großen CO2 schleudernden Aufschwungautos, die sich am Wegesrand sinnlos stapeln. Sie dienen offenbar politisch korrekt als Garagen für Aluklappräder, um doch noch ein ökologisches Dasein zu fristen. Leere Läden mit italienischen Luxusherden platzieren sich neben netten lebensfrohen geschäftlichen Ureinwohnerinnen, wie das Hairdesign Hübner in der Marienburger Straße 12. Etliche konkurrierende Biosupermärkte vermitteln im Prenzlauer Berg das Gefühl, dass Berlin mindestens vier nach Qualität abgestufte Fruchthöfe hat. Dem ist aber nicht so. Alle Händler gehen auf ein und denselben Fruchthof, sofern sie nicht direkt aus dem Umland beliefert werden. Nur ist dasgleiche Gemüse im Wedding nur ein Viertel so teuer.  Fragt sich eigentlich nur, wie lange noch?

Über die Bernauer Straße radelte ich in den Wedding, vorbei an türkischen, arabischen und anderen Communities, deren Lädchen, Kulturzentren und Trinkhallen. Unendlich zieht sich die Osloer Straße dahin. Wohnungsofferten hängen in manch grauen Fassaden. Grüne, triste und bunte Ecken wechseln sich ab, bis der Durchfahrtstross sich direkt auf dem Stadtring einfädelt. Kurz zuvor war mein Ziel, die Seestraße 13. Bei meinem ersten Besuch hatte ich etwas ratlos herum gestanden und mich gefragt, wo hier eine Preussischen Spirituosen Manufaktur sei, denn mensch betritt dort zuerst ein Gelände der Technischen Universität: Biotechnologie. Dann verrät sich irgendwann der Fachbereich Brauwesen. und noch deutlicher lachte mich ein Schild an: Institut für Gährungswesen. Ich wusste, wir kommen der Sache schon näher. Grüppchen junger Menschen, die also Brauwesen und Verwandtes studieren, plapperten im Hof herum. Auf meine Frage, wo ich denn hier die Preussische Spirituosen Manufaktur finden könne, wurde mir ein Eingang neben einem Imbiss und der Gang in den ersten Stock anempohlen. Ich stieg hinauf und stand vor einem Schild, nebem dem entgegen der üblichen Ge- und Verbote, auf einem Zettelchen im Stile einer liebevollen Entschuldigung formuliert war, dass man öfter klingeln solle, weil das Laboratorium weitläufig sei oder auch mithilfe einer angegebenen Telefonnumer ein störendes Drängeln ausdrücklich erwünscht ist. Unversehens öffnete ein vergnügter Forscher die kleine Tür. Er sah weder wie Frankenstein noch wie ein Professor flüssiger Geister aus. Ich schmetterte meinen Wunsch in den Gang: „Ich möchte gern einen Kurfürstlichen Kräuter erwerben?“, worauf er einen Moment zögerte und mich bat,  einen Moment zu warten. Er kam zurück, grinste erleuchtet und fragte mich, ob ich nicht noch einmal reinkommen könnte und mit genau derselben Frage auf den Lippen dann einen Part in einem kommunikativen Verkaufsakt aufführen würde, denn ein Kamerateam sei grad zu Besuch und ich sei ja schließlich eine echte Kundin. Warum nicht, dachte ich, ob ich nun mit oder ohne Kamera mein Geschenk erstehe, war mir egal. Außerdem kam ich auf diesem Wege in den Genuss einer Miniführung, da hier und da die bizarren alten und neuen Gerätschaften erläutert werden mussten. Im Verkaufsraum angekommen, hatte ich die Qual der Wahl und entschied mich schließlich für zwei Klassiker des seltsamen Labors, in dem die Geschichte des Destillierens aus allen Regalen schaute. Die leichte Angespanntheit beim Kauf von Hochprozentigen gefilmt zu werden, um es, wie ich inzwischen wusste, in der immer kleineren Welt der öffentlich-rechtlichen Dokumentationen zu verewigen, war inzwischen einem bewundernden Redeschwall einer guten Kundin gewichen. Diesen beendete ich mit dem Gründungsmythos, dass sich einst ein Barkeeper und ein Professor begegneten, um diese Entdeckungsreise des Genusses  hernach gemeinsam anzutreten. Vor mir stand jener Barkeeper, wie sich herausstellte…

Und wann gehen Sie zur Drogenduftorgel in den Wedding?

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2 Kommentare

  1. Finde ich super, dass hier regelmaessig geschrieben wird.

  2. Lieber arm dran, als Arm ab.

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