Eine wahre Geschichte zum Tode von Christa Wolf (18. März 1929 – 1. Dezember 2011)

Es ist viele Jahre her, da lernte ich die Mutter eines Studienfreundes, eine Frau namens Christa S., kennen. Sie hatte ein eigenes und fünf Stiefkinder großgezogen und lebte mit einem diplomierten Jäger zusammen. Beide bewohnten ein seltsam großes und dunkles Haus mitten auf dem Gelände des Forstinstituts in Eberswalde. Christa S. ging im Institut ihrer Arbeit als Bibliothekarin nach. Sie las unentwegt Bücher, konnte mir von Émile Ajar bis Lion Feuchtwanger erzählen, was ich unbedingt noch lesen könnte. Sie mochte mich. Ihr Sohn bewohnte mit mir und einem weiteren Freund eine Studentenbude. Ostern 1983 waren wir – wie oft an längeren Wochenenden – die »Kinder« in Christa S.‘ Haus, konnten uns am Kühlschrank und am Bücherregal bedienen. Stundenlang lief die Papstmesse im Fernsehen. Nebenher schnitt Christa S. aus den Osterkarten, die sie bekommen hatte, Blumen, Eier und Küken aus. »Daraus entstehen meine Osterkarten für das nächste Jahr.« Nebenher trank sie Kognak. Ich fand das praktikable Recycling ulkig. Ein kleiner Stapel lag noch da. Sie fing an, von Christa Wolfs »Unter den Linden«, dem Buch mit den seltsamen Erzählungen, die sich alle irgendwie einem schwierigen intellektuellen Feminismus unterwarfen, zu schwärmen. Wir liebten beide die letzte Geschichte, ein Science Fiction, in der eine Frau sich zu Studienzwecken in einen Mann verwandeln lässt: Der Selbstversuch. Beide waren wir zutiefst überzeugt, dass es schön sein muss, einmal als Mann durch die Welt zu spazieren. Allerdings fanden wir die leidenschaftslose Offenbarung auf die Frage »Wie geht es Ihnen heute?«, die mit einem gelangweilten »Wie im Kino« pariert wurde, auch gleichermaßen schockierend. Es war der Moment, in dem die verwandelte Frau plötzlich als Mann fühlen konnte. Die Erregung blieb so blass, dass sie aus dem Experiment ausstieg. Provokante Ernüchterung? Nur ein technischer oder medizinischer Fehler? Die Stärken des literarischen Dialogs hatten uns fest im Griff und wir hüpften aus den Sümpfen der Klischees, debattierten Erziehungsmodelle und Lebenserfahrungen von Frauen und Männern, die ihre Lichtjahre an Entfernungen immer wieder zementierten, trotz sozialistischen Einerleis.

Der Ostersonntag neigte sich dem Ende und wir waren inzwischen wieder beim »geteilten Himmel«, bei allem, was die Generation der Christa S. uns verstört und verstörend zu übermitteln hatte: die Last der schweigenden Väter, die Abnabelung vom Wir, die Brüche und politischen Enttäuschungen, die Christa Wolf »auf die Abenteuer der Seele [verwiesen]«. Es gab keine Berechtigung für die Schließung eines Landes, in dem man einer die Menschheit befreienden Idee von Gerechtigkeit zu dienen hatte. Der hineingelegte Sinn war lange vor 1989 abhanden gekommen. 1983 erschien uns die DDR, einer Frau wie Christa S. und mir, Frauen aus zwei Generationen, ähnlich verloren wie Christa Wolfs Literatur. Doch ein besseres Land kannten wir auch nicht. Hier waren die meisten unserer Freunde, unsere Bücher, unsere Feste. Wir lebten längst in einem seltsamen Konstrukt, das viel Raum für die Flucht ins Schreiben und Lesen eröffnet

Eine einzelne Postkarte lag noch da, wo zuvor der ganze Stapel gelegen hatte. Ich zeigte ihr, dass sie doch eine Karte vergessen hatte. Da lächelte sie mich an und sagte: »Nein, die wird nicht zerschnitten, die ist von Christa Wolf.« »Wie, Ihr schreibt Euch?« Dann erzählte sie mir, dass sie sich zumeist lange Briefe schrieben. Ich wollte wissen, wie Christa S. zu diesem beneidenswerten Briefwechsel gekommen war. »Nach ihrem ersten Buch … habe ich ihr einen aufmunternden Brief geschrieben: Machen Sie weiter. Es ist wichtig, was Sie da tun. Lassen Sie sich von niemandem reinreden. Sie sind etwas Besonderes … Geben Sie nicht wieder auf!« Christa S. hatte der jungen Christa W. einfach Mut gemacht, die Bibliothekarin, die Vielleserin, die Papstmessen guckte, Postkarten zerschnitt und gemütlich dabei Kognak trank. Die Ermunterte hatte ihr zurückgeschrieben, immer wieder.

(Die kleine Geschichte ist gerade im DISPUT unter demTitel: „Der Briefwechsel“ erschienen, Dezember 2011)