Die am 6. Juli 1950 proklamierte Oder-Neiße-Grenze war im erschütterten Nachkriegseuropa alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Noch in den 50er Jahren wurde der Grenzverlauf zwischen der neuen Doppelstadt – Guben in der DDR und Gubin in der Volksrepublik Polen – militärisch gesichert. Die Mächtigen der SED und der PVAP handelten nach und nach Lockerungen im Grenzverkehr aus. (1) 1980 wurde die Grenze wieder geschlossen.

Nicht weit entfernt von Guben kündigte sich die nächste Zeitenwende an. Der Dresdener Hauptbahnhof war noch vor den Leipziger Montagsdemos der Ort, der mit überfüllten Zügen Richtung Prag und Budapest mehr als das jähe Ende eines dürftigen Reiseradius‘ symbolisierte. Die Abstimmung mit den Füßen wurde immer offensichtlicher.
Nach der  friedlichen Revolution der Ostdeutschen Wurde Guben zur absoluten Peripherie. Die neue Freizügigkeit im Osten, der demokratische Frischwind, die Mobilität und die Warenwelten, die auch in Guben und Gubin nach und nach eingezogen, wogen die unkomplizierten Begegnungen, das freundschaftliche Zusammenwachsen in zwei schrumpfenden Städten nur teilweise auf. Der unerträgliche ideologische Problemstau der DDR wandelte sich in ein Bündel sozialer Probleme und war von kulturellen Verlusten begleitet, die mit Ostalgie nichts zu tun haben. „Ein Jugendlicher, der aus Schwerin seinem Ausbeutungsverhältnis bis nach Bayern hinterher reisen muss, kann sich schwerlich frei fühlen.” spitzte Matthias Wedel (2) einst zu.
2009. Im Trevira-Werk, dem Polyesterfaserspezialisten, arbeiten noch 630 Beschäftigte. Hier – wie bei Quelle in Fürth – schlägt die globale Finanzkrise richtig zu, nur hat es außer der Regionalpresse kaum jemand berichtet. Hier werden keine Autos zusammengeschraubt, hier stirbt kein Traditionskaufhaus. Hier sitzt nicht die Exportindustrie, für die sich Regierung und Gewerkschaften einsetzen, für die die Mehrheit der Parteien, um Wählerstimmen zur Bundestagwahl kämpft. „Stirb Trevira – stirbt Guben“ stand vor zwei Jahren auf den Transparenten. 2010 kamen neue Investoren aus Italien und Asien. Der Freistaat Bayern, Treviras Hauptsitz, und das Land Brandenburg beteiligen sich an der Sicherung der Arbeitsplätze. Doch die Industriegeschichte der Stadt hat längst im Museum Platz genommen.
Wolfgang Kil forderte, die in seiner Streitschrift „Luxus der Leere. Vom schwierigen Rückzug aus der Wachstumswelt“, die „ökonomischen Problemfälle“ des ungebrochenen Marktvertrauens endlich als „politisches Projekt“ zu begreifen und hält fest, dass dies auf eine derzeit wenig populäre Forderung hinausläuft. „Zur Bewältigung von Schrumpfungsvorgängen wird nicht weniger, sondern mehr Staat gebraucht. Die äußeren Rand- und inneren Schattenzonen des Systems dürfen weder populistischen Seelenfängern noch rabiaten Selbsthelferstrukturen vom Typ ‚Mafia‘ überlassen werden. Die ‚Innere Sicherheit‘ soll hier nicht das Thema sein. Mit Staat sei weniger nach dessen exekutiven als nach dessen legislativen Kompetenzen gerufen: Es geht nicht um mehr oder besser gerüstete Polizeistreifen, sondern um angemessene Gesetze und Verordnungen, also um Rahmenbedingungen, die ein Dasein und ein Handeln in marktfernen Landschaften unterstützen. Und da die Verteilung von Verlusten auf dem Wege einvernehmlicher Dialoge schwer zu erklären ist, wird es ohne starke Regelungskompetenz zur Durchsetzung fairen Ausgleichs wohl nicht gehen.“ (3)
Die Gubenbrücke ist mehr als ein wiederkehrendes Symbol des Zusammenwachsens nach der Erweiterung der Europäischen Union 2004. Sie wirft die Region auf das Unmittelbare, verweist höchst praktisch auf die lokalen Verbindungen, die gebraucht werden, um den Lebensalltag und die Perspektiven zu erkennen, die in einer postindustriellen Region alle noch gefunden werden müssen. Nach der Erweiterung des Schengenraumes der EU zur ukrainischen Grenze war eine Gubener Erfahrung heiß begehrt. Wie agierten die Polizei, der Zoll bisher an der deutsch-polnischen Grenze? All dies war 300 km weiter südöstlich plötzlich sehr gefragt. Doch jene Erfahrungen, die die Menschen in Guben gerade heute mit der Neuerfindung ihrer Identitäten machen, die werden bald in vielen Regionen viel entscheidender sein. Europäische Nachbarschaftspolitik wird endlich über Rohstoffpakte und Grenzsicherung hinauswachsen müssen, denn das postindustrielle Zeitalter ist längst da. Die Herausforderungen einer gerechten Energiesicherheit sind in der Lausitz allgegenwärtig. Brücken sind die Antwort, Begegnung und Austausch das Rezept, um neue Lösungen zu finden.

 

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(1) Tomasz G. Pszczólkowski erläutert auf der Tagung „Die Deutschen und ihre östlichen Nachbarn – wirtschaftliche und kulturelle Aspekte der neuen europäischen Situation“ im Februar 2004 in Berlin: „Ein Paradox der Zeit nach 1945 in Polen war …‘das Spielen der ‚deutschen Karte‘ […] sich als das wohl erfolgreichste Instrument [erwies], eine zumindest zeitweilige Bindung größerer Teile der Gesellschaft an das Regime herzustellen.‘ … Die Angst der Polen vor der Revision ihrer westlichen Grenze war ein wichtiges Bindeglied zwischen den kommunistischen Machthabern und der Masse der Bevölkerung. Die Befürchtungen der Polen sollten sich im Verlauf des Aufstands vom 17. Juni 1953 verstärken, als in Görlitz, einem Zentrum des Widerstands gegen das SED-Regime, Forderungen nach der Beseitigung der Oder-Neiße-Grenze laut wurden.“  Zitiert nach: www.kulturation.de, letzter Zugriff am 24. Oktober 2011

(2) Matthias Wedel: “Haben die nicht verstanden?“ in der Freitag vom 3.9.2004

(3) Wolfgang Kil (2004), ebenda, S. 62

Kalenderblätter – Europa 2012 (Januar), herausgegegeben von Helmut Scholz, MdEP (Fotografien: Alexander Schippel, Texte: Konstanze Kriese)