David Bowies „Heroes“ stand in der DDR auf dem Index. Das Lied durfte sich weder in Vinyl gepresst in einem durchleuchteten Päckchen befinden, noch in Radiostationen gespielt werden. Die Lovestory der Königskinder, die im Niemandsland eines Rocksongs zueinanderfinden, gehörte zum Soundtrack der Babyboomer im Osten wie im Westen. Das Symbol des Kalten Krieges, die Berliner Mauer, wurde auch nach ihrer friedlichen Überwindung eine Projektionsfläche für Künstlerinnen, Comiczeichner, und Sprayer. Die Eastside Gallery erzählt ein Stück vom Aufbruchsgefühl in eine freie Gesellschaft. Zugleich funktionieren die bunten Mauerstückchen wie ein Schrei. Sie mahnen in unzähligen Motiven, dass wir in einer Welt leben, in denen Mauern überall, Zeugnisse ungelöster Probleme sind, die immer auf beiden Seiten der Mauern ihre Ursachen und ihre Folgen haben.
Wie gehen wir mit der Geschichte des Nachkriegseuropas, mit der Geschichte des Kalten Krieges um?
Als die Tageszeitung Junge Welt am 13. August des vergangenen Jahres, zum 50. Jahrestag des Mauerbaus, einen Dank für deren Errichtung aussprach und soziale Sicherheiten und die Friedensdoktrin in der DDR gegen Freiheitsentzug, Mauertote und politische Drangsalierung aufwog, waren auch viele Linke entsetzt. Man kann und muss über die Spirale und Gefahr der Bedrohungen im Kalten Krieg erzählen. Das ist nötig, denn militärische und ideologische Aufrüstung mit veränderten Kontrahenten zerfressen überall jene Substanz, mit der wir den Sorgen des 21. Jahrhundert begegnen können. Das gelingt weder mit einseitigen Erzählungen, die einzig von einer sozialen, ökonomischen und kulturellen Westbindung geprägt sind, noch mit menschenverachtenden Titelseiten, die nie mehr als ein fragwürdiges Behauptungskalkül in der medialen Aufmerksamkeitsschlacht sind. Dieser geistige Fauxpas schadet vor allem einer demokratischen Linken, die eine fortgesetzte geschichtliche Auseinandersetzung führt und dabei ihre eigenen dunklen Geschichtskapitel anpackt.
Ich bin im Osten aufgewachsen, meine Schwester war ausgereist. Ich glaubte an eine reformfähige DDR. Wir telefonierten oft und hatten uns, sich mit den steinernen Gewissheiten des Kalten Krieges abfindend, für Weihnachten 1989 in Prag verabredetet. Es kam anders und wir feierten in einem Berlin, in dem wir beide lebten. Meine Mutter hat die Wende ‘89 nicht wirklich verarbeitet, nachdem sie 1950 vergnügt und in jugendlicher Opposition gegen die skeptischen Eltern zum Deutschlandtreffen der FDJ nach Berlin fuhr, studierte, Journalistin wurde und mit kritischem Blick in ihrem Lande lebte. Welche unmittelbaren Risse hat dieses Mauerwerk jeden Tag hinterlassen, wenn wir in die S-Bahn an der Schönhauser stiegen und nach Pankow fuhren? Die Bahn rauschte mit wachsender Geschwindigkeit durchs Niemandsland. Täglich hatte man die Begründung zu verdrängen und zu erneuern, warum man mit einem Bollwerk zum Schutze des Sozialismus in einer zivilisierten Welt, leben soll. Täglich spürte man klar und sinnlich, dass diese gemauerte Geschichte zum Grab einer Idee und zum Gefängnis der Menschen, die an ihr aus mannigfaltigen Beweggründen festhielten, geworden war.
Wie gehen wir mit der Geschichte der Mauer um? Die baulichen Spuren der Berliner Mauer sind fast verschwunden. Gedenkorte illustrieren platten Totalitarismus und entsetzliche Schicksale, geschehen in einem Land, dessen Legitimität nach vier Jahrzehnten von der Bevölkerung infrage gestellt wurde. Touristinnen und Stadtbesucher fragen oft nach dem Verlauf der Mauer. Sie wollen das hippe Berlin der Nächte am Tage historisch erden. Das jüdische Berlin der Spandauer Vorstadt, die Stiftung Topografie des Terrors am historischen Gelände der Hauptquartiere Hitlerdeutschlands, die Mauerreste – die historische Spurensuche lässt sich lebenslang ausdehnen. Das Mindeste ist ein kleiner Ausflug nach Potsdam. Am 15. und 16. Juli 1945 fand im Schloss Cecilienhof die 3. Konferenz der Anti-Hitler-Koalition statt. Churchill, Truman und Stalin saßen am legendären „Runden Tisch“ und entschieden über das Schicksal der Deutschen, entwarfen ein Stück des Nachkriegseuropas. Wir haben diese Geschichte geerbt.
Wolfgang Leonhard, der am 2. Mai 1945 mit der Gruppe Ulbricht ins brennende Berlin kam, beschreibt in seinem autobiografischen Roman Die Revolution entlässt ihre Kinder, dass er nur wenige Jahre später, plötzlich, beim Klopfen am seinem Arbeitszimmer, hastig ein Schubfach zuschob. Danach hielt er inne. Er wusste, es war – nach einer Serie von Enttäuschungen – der Moment seines persönlichen Bruches mit dem Aufbau einer neuen sozialistischen Welt im Osten Deutschlands. Er floh damals nach Jugoslawien. Seine persönliche Entscheidung hinderte Leonhard nicht, Osteuropa weiterhin hoffnungsvoll zu begleiten, die Eurokommunisten Italiens ernst zu nehmen und nach 1989 die Aufarbeitung der Geschichte des Kalten Krieges aktiv zu betreiben. Wie oft unterhielt er sich in Veranstaltungen, im Rundfunk, mit dem langjährigen Vorsitzenden der PDS, Lothar Bisky , über die historischen Momente, die nach dem zweiten Weltkrieg die Strukturfehler und historischen Gelegenheiten markierten, in denen demokratisch-sozialistische Chancen verspielt wurden. Die Kontrahenten waren jeweils andere. Die Frage, wie – in welchen Elementen, regionalen Ausdehnungen, ökonomischen Strukturen, kulturellen und sozialen Wandlungen – ein demokratischer Sozialismus oder vielleicht genauer eine sozialistische Demokratie manifest und zugleich lebendig seien, bewegten beide, trotz unterschiedlicher Bewertungen. Zugleich waren alle Utopien nach dem Fall der Berliner Mauer für Leonhard, Bisky und viele andere nicht ohne die Hinterlassenschaften der bürgerlichen Gesellschaft, ihrer Ideale und auch Errungenschaften, zu denken. Es ist der einzige Weg, die Machtfrage der vielen Verschiedenen, nach der Verarbeitung der Herrschaftspraktiken westlich und östlich der Berliner Mauer, zu stellen.

 

aus: Kalenderblätter Europa 1 – 12 (Februar), herausgegeben von Helmut Scholz, MdEP – Fotografien: Alexander Schippel, Texte:  Konstanze Kriese