„Dieser Krieg führt uns die Verletzlichkeit kultureller Vielfalt vor Augen und unseren Unwillen oder unsere Unfähigkeit, diese Vielfalt zu schützen.“, schrieb Annett Zinsmeister 1997 in ihr Reisetagebuch über Sarajewo. (1) Im Krieg wurden die Toten auf den Friedhöfen nicht mehr nach Religionen und Überzeugungen getrennt.
In Sarajewo, dem Jerusalem des Nordens, leben seit mehr als fünfhundert Jahren Muslime, Juden und Christen, künden Moscheen, Synagogen und Kirchen vom multireligiösen und multikulturellen Stadtausbau entlang des Flusses.

„Die Angreifer zielten mit ihren Vernichtungsstrategien auf die Zerstörung der kulturellen Vielfalt des Vielvölkerstaates Bosnien-Herzegowina. Dieser Krieg war ein Krieg gegen die Zivilbevölkerung und ein Krieg gegen die Stadt, konstatierte der serbische Architekt und Schriftsteller Bogdan Bogdanovich. Gezielt wurden kulturelle Einrichtungen zerstört: Moscheen und Kirchen, Kulturzentren und Sportstätten, Schulen, Universitäten…“ (2) Am 26. Mai 1994 spielten die Wiener Philharmoniker gemeinsam mit dem Chor der Oper aus Sarajevo. Mozarts Requiem erklang zwischen den abgebrannten Säulen der National- und Universitätsbibliothek, deren 1,5 Millionen Bücher im August 1993 als Asche durch die Stadt flogen. Die Zerstörung der städtischen kulturellen Diversität, der Angriff auf die Produktivität des kulturellen Austauschs selbst, ging unter dem Begriff „Urbizid“ in die Aufarbeitung der Nachkriegsgeschichte ein.

An der Schwelle zum 21. Jahrhundert beschäftigten sich Politikerinnen und Politiker, Vertreter aus Wissenschaften, Wirtschaft und Kultur mit einer neuen Verfassung für die Europäische Union. Dabei hatten sie auch die kulturellen Identitäten – Symbole, wie Hymnen und Flaggen – nach ihrer Tauglichkeit für ein modernes Europa zu hinterfragen. Im Zuge dieser Selbstfindung erneuerte Angela Merkel, damals noch nicht Kanzlerin, dass selbstredend der christliche Gottesbezug in der zukünftigen europäischen Verfassung verankert sein müsse.(3) Mit ihrer Leitkulturdebatte stand sie europaweit nicht allein. Die Verfechter des christlichen Gottesbezuges geraten überdies oft erstaunlich nah ab die  Thesen vom Kampf der Kulturen, mit denen Huntigton das ideelle Selbstverständnis der Außenpolitik der Bush-Administration unterfütterte.

Die Bedeutung der christlichen Religion ist in den europäischen Kulturen zweifelsohne immens. Doch der mythische Götterhimmel der Griechen prägte und prägt den Kontinent ebenso, wie die Entstehung der antiken Philosophie oder die Baukunst der Araber. Die Orangenhaine und Rebgärten der Conca d’Oro rund um Palermo sind nicht nur ein Symbol der Dienstbarmachung des Wassers, sie sind auch Teil des interkulturellen Lernen am Mittelmeer, der arabischen und afrikanischen Spuren des Kontinents.  Die Kenntnisse und Bauleistungen der Araber sind in Süditalien genauso gegenwärtig wie in Malaga, Alicante oder Valencia.

Den Gottesbezug in der europäischen Verfassung zu fordern, diente Frau Merkel damals auch als Teil der Begründung, die Türkei aus Beitrittsverhandlungen herauszuhalten.
Zwei Jahre später antwortete der Literatur-Nobelpreisträger Orhan Pamuk in seiner Rede bei der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels auf die politische Instrumentalisierung des Gottesbezuges in der Verfassungsdebatte. Er rekapitulierte: „In all den Romanen, die ich in meiner Jugend las, wurde Europa nicht über das Christentum definiert, sondern vielmehr über den Individualismus. Europa wurde mir auf attraktive Weise durch Romanhelden vermittelt, die um ihre Freiheit kämpfen und sich verwirklichen wollen.“(4)

Die Verwirklichung individueller Freiheitsrechte hat Europas Geschichte bis heute in die Utopien der französischen Revolution eingebunden. Zu Multireligiösität gehört überdies die Akzeptanz des wachsenden säkularen Europas mit seinen starken Wurzeln in den Niederlanden, aber auch in vielen anderen Regionen des Kontinents.
Orhan Pamuk spitzte in derselben Rede eine andere historische Erfahrung Europas zu, die die Freiheit des Geistes vor die Freiheit der Märkte platzierte. Er sagte damals: „Zur Wahl stehen auf der einen Seite schriftstellerische Phantasie und auf der anderen Seite bücherverbrennender Nationalismus.“(5)
Freiheit, Gleichheit und Solidarität sind für die europäischen Wertorientierungen bindend. Glaube hingegen – so erzählen die europäischen Städte seit Jahrhunderten – ist Privatsache und als solche nachweislich fähig zur friedlichen Koexistenz.

 

(1) Annet Zinsmeister: City + War. A Trip to Sarajewo. Stuttgart, 2008, S. 16

(2) Ebenda, S. 96 – Bogdanovic ist am 18. Juni 2010 in Wien gestorben. Der wachsende Nationalismus im zerfallenden Jugoslawien trieb den bedeutenden Urbanisten  erst nach Paris, später nach Wien ins Exil.

(3) Merkel, Angela, Rede – Quo vadis Deutschland, Berlin 2003

(4) siehe: Pamuk, Orhan – Rede bei der Verleigung des Friedesnpreises des Deutschen Buchhandels 2005 (türkisch und deutsch)

(5) ebenda

März-Kalenderblatt 2012, Herausgegeben von Helmut Scholz, MdEP