Rausch basiert auf der häufigen Wiederholung dessen, was wir gut können, wächst inmitten knallharter Rituale und überlebt nur in der Waagerechten zwischen Überforderung und Langeweile.

Deshalb bekomme ich alle Jahre wieder kurz vor Weihnachten einen schweren Anfall, eine Ratgeberecke zu veröffentlichen. Backrezepte, Weihnachtsbraten, Geschenketipps… Was kann ich denn beitragen, um die geschäftlige Vorweihnachtszeit vergessen zu machen, um ein leichtes erleuchetes Innehalten bei sanft abgesenktem Bewusstsein zu erzeugen, wo ich doch unentwegt an Puntsch, Schokolade und leuchtende Lichterketten denken muss.

Ich habe das nicht wirklich gewollt. Doch durch so eine Ratgeberecke, das habe ich jetzt eingesehen, bekommt das Bloggen erst einen heimliche Mehrwert. Das kultur- und naturgeschichtliche Unbewußte hat mich gezwungen. Ich stand ihm offenen Mundes und mit halb geschlossenen Augen gegenüber. Statt die anonym Berauschten zu begründen, wurde mir eines klar. Es ist aussichtslos, dem unerbittlichen kollektiven Unbewußten die Ursachen und Folgen von Räuschen bewußt machen zu wollen. Mein letzter Versuch, der Ratgeberecke zu entkommen, war ein Ausflug in die Rauschtheorien zwischen Arbeit, Spiel und Muße, von Nietzsche bis  Csikscentmihalyi. Aber wer will angesichts des nahenden Rauschaften wirklich etwas über die graue Theorie wissen? 

Da habe ich mit dem Unterbewussten folgenden Ablaß ausgehandelt. Ich gebe in loser Folge Rauscherfahrungen weiter. Das haben alte Männer zu allen Zeiten getan: Orpheus, Goethe, Nietzsche. Alte Frauen hingegen kamen nur bis vor einem halben Jahrtausend zum Zuge und dann sind sie ja ohnehin ausgestorben, die alten Frauen. Ein Rausch der ganz besonderen Art breitet sich seither aus: das individualisierte Kampfvergnügen mit der Dauerzielsetzung: Jugend. Von Geburtstag zu Geburtstag kann man sich da Größeres vornehmen. Man wächst mit seinen Aufgaben und: wir lernen doch gern ein Leben lang dazu.

Da sagte das Rotkäppchen: »Aber Großmutter, was hast Du nur für einen flachen Bauch?« »Damit ich Dich besser anknurren kann.« Tja. Im Rausch beim Thema bleiben, ist zuerst einmal das Schwerste überhaupt. Das liegt schon darin begründet, daß ein schweres Überhaupt im Rausche ohnehin kaum vorhanden ist. Im Winter kommen die Konzentrationschwächen und die natürliche Dämmerung an vielen Stunden des Tages hinzu. Träume, Heimlichkeiten und Blaue Stunden drängen ans Licht. Doch der Durchbruch ist ausgeschlossen. Stattdessen üblicherweise wird der Einkaufsstress potenziert.

Um zu Ruhe, Erholung und Muße gelangen, wird der Rausch – in der hektischsten aller Jahreszeiten – in harte Rituale gepackt, damit wir überhaupt noch was merken. Advent. Weihnachstfeiern. Schrottwichteln. Juleclub. Weihnachtsmarkt. Cool Yule. Doch die moderne Coolness ist grenzenlos: Weihnachtsmuffel, Festtagsverweigererinnen, Rauschflüchtige soweit das Auge reicht. Kein Eis, kein Obst, kein kühler Drink verhilft uns zum Glücklichsein. Nein, es hilft zuerst nur ausreichend Schlaf.

Verschlafen sie alle Termine, die sie nicht im Kopf haben, alle Wochenenden, an denen es regnet und alle Entspannungsübungen ab der zweiten angebrochenen Minute. Träumen sie riesige Löcher in die Luft. Schlaf und Rausch sind gute Verwandte. Schlafersatz durch Alkohol ist auf Dauer tödlich. Aber ausreichend Schlaf und ein warmer Punsch gegen den Schmerz der Dunkelheit – und wir können das Alka-Selzer in der Apotheke lassen. Und während wir träumen, fallen uns die seltsamsten winterlichen Vergnügungen ein: Schneemänner bauen, Überlegen, wer sich über ein Lebkuchenherz noch richtig freuen kann, ob mensch Glühwein nicht lieber alleine kochen sollte, wann eigentlich das letzte Mal Plätzchen gebacken wurden… Ja, Zimtplätzchen zum Beispiel. Der Zimt kann ersatzweise als Anis, Pfeffer, Hirschhornsalz, fertige Pfefferkuchengewürze, Nelken, Ingwer und andere Betäubungsmittel daherkommen. Zwei Schokoladentaler noch dazu… und der Winter kann so schön sein.

Da geschah es. Ich empfand, es ist an der Zeit, eine Plätzchenbackeinladung auszusprechen. Die Kinder, längst aus dem Haus, traute ich mir nicht gleich damit zu erschrecken. Doch wozu sind Freundinnen da. Wir hatten ohnehin vor, einen halben Advent zu vertrödeln. Gesagt, getan. Plätzchen backen. Ja, das ist die kleinste Übung. Vor allem nit Fertigteig geht es ohne Übung. Die Kekse müssen nur rechtzeitig aus dem Ofen und dann beginnt der Spaß: Drei Damen nahmen die Rohlinge vom Grill und klecksten, malten, kleckerten, tranken Rotwein und äh, rauchten. Da war es um die schlichte Schönheit des Kekses geschehen. Ornament und Verbrechen, Motive der Kunstgeschichte, cineastische Highlights, kosmische Erscheinungen und diese Unmenge von Herzen, Streußeln und Perlen wurden eins. Zwischendurch kam der kreative Ergeiz in bunten Wellen deswegs, entluden sich Seufzer, Lachsalven und Erzückensschreihe beim Anblick der fremden Keksstile, der bunten Psychogramme und Befreiungsakte. Da wurden rosa Herzen in Blutlachen versenkt und mit giftgrünen Schlangen konfrontiert, Liebensperlenburger neben 3D-Kinokeksen platziert, Monde und der Rausch an sich aufs Gebäck gezaubert. Plötzlich war es nach eins…