Ausruhen* Der folgende, vorgeblich heitere Text wurde 2001 im Onlinemagazin „Mein Schatz“ unter dem Titel „Rausch des Winters II“ von Wilma vom Senf veröffentlicht. Nun schon ein Dutzend Jahre alt hat sich absolut nichts zum Besseren entwickelt, im Gegenteil. Erst vier jahre nach der Veröffentlichung tragen die Hartz-Gesetze 2005 in Kraft.

Die Praxis der Zwangsverrentung, gesetzlich gedeckt seit 01.01.2013 ist der Gipfel auf dem Eisberg der Sanktionspraxis und Entrechtung Erwerbsloser. Die sinnlosen Maßnahmen zur „Selbstoptimierung“ der „Kunden“ bei den Jobcentern haben hingegen stetig zugenommen. Die kleinen feinen Träger, die noch mehr oder weniger sinnvolle Weiterbildungen anboten, um strukturellen Änderungen auf dem Arbeitsmarkt begleitend zu bewältigen, gibt es immer weniger. Die Förderung des zweiten Arbeitsmarktes oder eines öffentlich-geförderten Beschäftigungssektors funktionierte bisher nur sporadisch und mit ständig sinkenden außertariflichen Löhnen. Deshalb hat sich die „Blaue Stunde“ entschlossen, den Text von 2001 noch einmal zu veröffentlichen.  

Nach »bunt sind schon die Wälder« kommt auch im Jobverteilungskampf der lange Winter. Die Universitäten erwachen nach Weihnachten aus dem Urlaubsschlaf, um im Februar nach ein paar kleinen Prüfungen, wieder in einen langen Winterschlaf zu fallen. Erstsemesterlinge werden dabei scharf beäugt, aber die merken ohnehin nix, weil sie völlig verwirrt im Orientierungschaos verloren sind. Schneller findet sich doch ein Café als die geeignete Vorlesung und dort trifft man gleich jene, die das Studium hinter sich haben und zu den Glücklichen Arbeitslosen gehören oder jene, die im Herbste ihrer Berufstätigkeit vom Ast gefallen sind und nun in selbstgebastelten Schalen nachreifen.

Herausgeber und damit eindeutig Abtrünniger der Glücklichen Arbeitslosen, Guillaume Paoli, liest in solchen Cafés und anderswo aus Aufrufen, Manifesten und Faulsheitspapieren unter der Überschrift: »Mehr Zuckerbrot, weniger Peitsche«, erschienen in der Edition Tiamat, welche in diesem Jahr als Neuerscheinung in Frankfurt zu bewundern waren.

Ich hatte mich lange gesträubt, Glückliche Arbeitslose zu werden und wollte mich zuerst weiterbilden. Doch es war der falsche Zeitpunkt (nicht Herbst), der falsche Ausbildungsort, und ich war die falsche Person.

Im Januar des vergangenen Jahres wurde ich arbeitslos. Nachdem ich mich gleich am 4. jenes Monats, mit besonders guten Vorsätzen als Mitarbeiterin des Landesarbeitsamtes Berlin/Brandenburg für den Künstlervermittlungsdienst, Kundenkreis Rock-, Jazzmusiker und Zauberkünstler, beworben hatte – die Stelle war auf den Fluren des Arbeitsamtes ausgeschrieben – bekam ich gleichzeitig mit meinem Bewilligungsbescheid über das Arbeitslosengeld meine erste Ablehnung mit dem höflichen Hinweis, dass ich für die gerade beschriebene Tätigkeit unterqualifiziert bin. (Inzwischen ist der Künstlervermittlungsdienst abgeschafft worden.) Komisch, ich habe über Rockmusik promoviert, war beim Komitee für Unterhaltungskunst der DDR und arbeitete bis zur Arbeitslosigkeit mit Künstlern aller Sparten, die in meiner Firma über Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen und Strukturanpassungsmaßnahmen beschäftigt waren. In der Herbetung des SGB III – jenes Sozialgesetzbuches, das die vielen Kannbestimmungen der Arbeitslosenverwaltung beinhaltet – war ich fit wie ein Turnschuh.

Gut, ich war unterqualifiziert. Also dachte ich mir, ich lerne jetzt das, was alle lernen: Multimediairgendwas, kann ich für Öffentlichkeitarbeit, Werbung, Kommunikation usw. gebrauchen. Denn inzwischen war mir beim Rundblick auf den ersten Arbeitsmarkt klar geworden, dass unverheiratete Frauen über 40 mit zwei schulpflichtigen Kindern, eher vom Terroristen erschossen werden, als von mir persönlich unbekannten Unternehmen zu Vorgesprächen über gut bezahlte Tätigkeiten eingeladen zu werden.

Ich unterzog mich einem achtstündigen Bewerbungstest bei einem bekannten Weiterbildungsträger, der einen Kurs: Organisator Neue Medien ausgeschrieben hatte. Zuvor musste ich mein Geburtsjahr fälschen, da die Kursteilnahme nur bis 40 zugelassen war und meine Verfassungsklage zu spät bearbeitet worden wäre. »Bis 40« (Bifis) sind die marktrelevante Teilgruppe der »unter Hundertjährigen« (Uhus), aus der man hinter vorgehaltener Hand ausgegrenzt wird. Die Zahl 66 ist eigentlich viel magischer und läge trotzdem näher an der offiziellen Verlautbarung, wie lange ein Mensch seine Arbeitswilligkeit und –fähigkeit kundtun soll. Aber was soll’s.

Von den 140 Bewerbern für die Weiterbildung wurden 24 ausgesucht, und ich hatte mich in die Herzen der Personalcheffinnen der Multimediafirma, damals immerhin die Drittgrößte Europas und Sponsor des Kurses, gequatscht und durfte teilnehmen. Eine kleine Hürde musste ich noch überwinden. Das Arbeitsamt musste meiner durchaus teuren Weiterbildung zustimmen. Erstmalig ging ich vergnügt ins Amt, ich fühlte mich nichtmal als Hohn der vielen anderen Weiterbildungsgeschädigten. Ich war jungfräulich, lernbegierig und entschlossen meine Arbeitslosigkeit am 19. Februar 2001 wieder zu beenden.

Ich wartete im fünften Stock des Amtes. Ich wartete geduldig und stolz, bald nie mehr hier warten zu müssen. Ich wartete bald erregt, mein Anliegen vortragen zu dürfen, auch meine bestandene Bewerbungsprüfung vorzeigen zu dürfen, und wie immer in der Hoffnung, keinem Bekannten ausgerechnet in diesen trostlosen Gängen eine Begegnung mit meinem hoffnungsfrohen Wesen aufdrängeln zu müssen.

»Frau Dr. Senf, bitte!« Oh, wie ich eilfertig schwirrte und auch geschickt und knapp mein Anliegen vortrug, nach der bestandenen Prüfung noch schnell den Segen und die Förderung des Arbeitsamtes beantragen zu wollen.

»Sie sind noch gar nicht dran mit einer Förderung.«

Ich schaute mich im Raum um, ob noch andere nach Weiterbildungen anstanden, konnte aber niemanden entdecken und konterte herzlich: »Ich glaube, sie führen gerade mit mir ein Beratungsgespräch und nicht mit allen anderen. Ich bin jetzt im Moment ihr Kunde, das haben sie doch in ihren Weiterbildungen gelernt und möchte nun auch individuell beraten werden. Um ihnen diese arbeitsberatende Tätigkeit zu erleichtern, werde ich ihnen nun noch erläutern, warum ausgerechnet ich, für meine berufliche Perspektive diesen Kurs belegen muss, wie sich meine Chancen dadurch enorm verbessern und dass die vielen anderen – die sie ob einer sichtbaren Überarbeitung mit mir zusammen im Raume sahen – auch nicht bei dem Bewerbungsparcourt der Weiterbildungsfirma teilgenommen hätten.“

»Ja, sie können ja beantragen, aber sind sie überhaupt bundesweit vermittelbar?«, fragte mich das Beratungswunder.

»Die Weiterbildung findet zufällig in Berlin statt und wegen jener bin ich gerade im Raum«. Wie ich später von der nächsten Dienstvorgesetzten des missmutigen Beratungswunders erfuhr, wurde diese Äußerung absolut sinnentstellend mit einem Eintrag im Computer quittiert.

Endlich wurde mir ein Antrag ausgehändigt (Parallel schrieb ich im Kopf schon an einem Brief, welcher den Arbeitsamtsdirektoren die Bedeutsamkeit meines Anliegens schildern sollte). Flankiert wurde diese Tat, die so aussah, als ob mir das Heiligste ausgehändigt wurde, mit der Bemerkung: »Ein Bescheid dauert vier Wochen.«

»Aber die Weiterbildung beginnt in dreieinhalb Wochen und eine Woche davon strukturieren sie hier um und haben geschlossen, ich will da nichts verpassen«, versuchte ich zart zu drängeln.

»Dann müssen sie eben zwei Wochen später anfangen, falls sie überhaupt eine Bewilligung bekommen.« Ich schrie entsetzt: »Was halten sie denn von ihren eigenen Weiterbildungsangeboten, ich kann doch da nicht 80 Stunden verpassen, gerade den Anfang vom Ganzen? Wer entscheidet denn über meinen Antrag? Tun sie das doch bitte endlich.«

»Ich entscheide das nicht.« Ich hatte es geahnt und fragte erschöpft, wer dies denn entscheiden wird und wann ich diese mächtige Person bei einem Termin persönlich noch mal überzeugen darf. Ich bekam einen Namen, keinen Termin

Ohnmächtig schlurfte ich nach Hause. Später wurde mir plötzlich bewusst, dass ich einen funktionierenden Telefonanschluß besitze. Mit Zigarette, Kaffeetopf, Stift, Papier und ausschließlich einem Bart-Simpson-T-Shirt bekleidet, rief ich die mächtige Person an. Ich erfuhr von ihr von meiner Unfähigkeit, bundesweit vermittelt zu werden – der Computereintrag – und dies sei eine Voraussetzung, den Kurs zu belegen, der drei Strassen weiter von meiner Berliner Wohnung bald beginnen sollte und sie erfuhr von mir, dass ich alles tun werde, um ihren Kurs belegen zu dürfen und zwar vom ersten Tage an.

»Was mach’ ich nur«, stöhnte sie, »wenn ich ihnen den Kurs gebe, bekomme ich Ärger, weil sie so ohne irgendwelche Not einen Kurs bekommen haben. Gebe ich ihnen den Kurs nicht, gehen sie zum Sozialgericht…« Ich versuchte mich nochmals als Notleidende ohne Kurs darzustellen, gratulierte ihr innig für ihre wachsende Entscheidungsfreude, bedankte mich höflich für ihren wunderbaren Tipp mit dem Sozialgericht und drohte ihr halb im Scherz, sie bald wieder anzurufen und zu erfragen, ob sie sich schon entschieden hat. Und ich tat es, ich glaube eineinhalb Tage nach dem Gespräch. Ein überraschendes Ergebnis wurde mir mitgeteilt. Die mächtige Person hatte die Entscheidung an den Hochschulvermittlungsdienst weitergeleitet, der würde nun entscheiden und sie würde mich anrufen, wenn er sich entschieden hätte.

Tapfer fragte ich nach seinem Namen und seiner Telefonnummer.

Die mächtige Person antwortete, sie werde mir des Hochschulvermittlungsdienstes Entscheidung mitteilen.

Nach einer Woche, ich hatte inzwischen das Weiterbildungsinstitut zu einer hinreißenden Stellungnahme zu meiner erwünschten Teilnahme gezwungen, Briefe in das Arbeitsamt verschickt und meine Familie genervt…, da rief die mächtige Person an, wünschte mir eine erfolgreiche Teilnahme, am Freitag vor Beginn des Kurses und ich begann im mündlichen Schwebezustand einer Zusage – er sollte noch lange anhalten – ab 19. Februar meinen Kurs.

… Wir hatten Kommunikationstraining bei einer angehenden Doktorantin (Bifi). Ich wollte eigentlich was ganz anderes lernen, denn das hätte ich ja auch lehren können. Ich hatte nicht übel Lust in die Bibliothek zu gehen und was zu lernen. Ich hab’ dann, was ganz anderes in der Ausbildung gelernt, als ich eigentlich wollte – es war nämlich auch die falsche Ausbildung.

Mit herzlichen Grüßen an die Hartzkommission

verbleibt mit ganzem Herzen

Eure Willma vom Senf*

 

* Der Text wurde 2001 im Onlinemagazin „Mein Schatz“ unter dem Titel „Rausch des Winters II“ veröffentlicht.