Welche geschützten Wege kann man gehen und mit welcher Geschwindigkeit sich fortbewegen, wenn man Nahrung oder Wasser besorgen muss und weiß, dass man jederzeit und willkürlich von einem ‚Sniper‘ erschossen werden könnte…?“, fragte Jean-Babtiste Joly1 angesichts der Spurensuche Annett Zinsmeisters, die ein Reisetagebuch über Sarajewo 1996 veröffentlichte. Ihre Bilder und Notizen sind Dokumente der Verwüstung, der Anklage und der Überlebensstrategien der Zivilbevölkerung. Das hinderte Karin Wilhelm im Geleitwort2 des Tagebuches nicht, die Hoffnung auf Frieden als de facto unerfüllbar und im selben Atemzug als kollektives Vergessen zu disqualifizieren. Mit dem zerstörten Sarajewo am Ende des 20. Jahrhunderts ist für sie manifest, dass die „Kriegstauglichkeit der Stadt“ erneut zu denken sei. „Nur wenige wären [nach 1989] bereit gewesen, derartige Gedanken als historische Option ernsthaft in Erwägung zu ziehen, hatte sich doch nach 1945 mit den Atombombenabwürfen in Hiroshima und Nagasaki weltweit die Erkenntnis verbreitet, dass ein kommender Krieg weder Verlierer noch Gewinner, sondern nur Tote, verseuchte Erde und zermalmte Städte und Landschaften kennen werde. Was diese Welt sich übersah, war die Tatsache, dass sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts längst schon die Struktur der ‚neuen Kriege‘ auszubilden begonnen hatte, eben jene ‚innergesellschaftlichen Kriege‘ (Herfried Münkler), die mit konventionellen Waffen ausgefochten werden und zu denen ein ‚spezifische Angstmanagement‘ gehört, das sich in Varianten der ‚Trophäisierung‘ von Stadträumen, Menschenkörpern und kulturellen Symbolen aneignet.

Ja, Krieg ist wieder – oder besser immer noch – Option politischen Handelns. Ja, Architektinnen und Architekten konstruieren neben dem modernen Rückbau in der Peripherie, auch wieder Schutzräume – weltweit. Wo sie fehlen, wird uns die eigene Überwachung anempfohlen. Die Wirklichkeiten in die Auseinandersetzungen einzuschließen, bedeutet allerdings noch lange nicht, den politischen Willen einer friedlichen Stadt, als romantische Verklärung zu denunzieren. Annett Zinsmeister dokumentiert die Umnutzungen der Gebäude während der Belagerung Sarajewos. Die Überlebenssicherung geschah unsichtbar und in schnellen Bewegungen. Die verwinkelte Altstadt bot den besseren Schutz gegen Gewalt als die klaren Sichtachsen der Neubaugebiete. In den drei Kriegswintern wurden die innerstädtischen Bäume aufgebraucht. Der Kahlschlag dezimierte wiederum den Sichtschutz. Massaker während der Bestattungen waren keine Seltenheit. Friedhöfe waren während des Krieges weder Orte der Ruhe, noch des Abschieds.

Die Wiedergewinnung der Natur im städtischen Raum, ein mahnender Trümmerpark, wie die Architektin es vorschlug, ist das unmittelbarste Mahnmal gegen Krieg in der Stadt. Geht man heute durch Sarajewo sind die Einschüsse an den verbliebenen Häusern nicht zu übersehen. In einem neuen Aufarbeitungszentrum, am Theater unweit des Friedhofes wird das Selbstverständnis der EU, die Gründungsidee der Friedensunion auf den Prüfstand kommen müssen. Allerdings nicht, weil sie obsolet ist. Die Meinungshoheit über die heutigen Wege Europas bestimmen nicht die Kriegsopfer. Sie hätten ein Zeichen des Lernens der EU-Europäer verdient. Doch die Eurozone ist mit sich beschäftigt. Merkel und Sarkozy stehen im ganzen Jahr 2011 im Zentrum der Krisendebatten. Die FAZ warf die Tragfähigkeit linken Denkens auf. Nur meinten damit Schirrmacher und andere nicht die politische Linke, sondern die eigenen angstbesetzten Überlegungen angesichts weltweiter Erhebungen gegen Sozialabbau, die Folgen des Vertrauensverlusts in demokratische Institutionen. Die Konservativen sind mitten im „spezifischen Angstmanagement“ und manch handfeste Beobachtung ist dabei nicht von der Hand zu weisen. „Es könnte sein, dass die Krise der Eurozone viel tiefer gehende Folgen hat, als allgemein angenommen wird. Es ist möglich, dass mit ihr die Axt an die Wurzel der europäischen Einigung gelegt wird. Sie trägt nicht nur zur Schwächung des Ziels der europäischen Einigung bei, weil die volkswirtschaftliche Entwicklung in den Euroländern zu finanziellen und sozialen Verwerfungen in der Union führen kann, sondern weil sie, zumindest in Deutschland, eine Renationalisierung des Denkens in der Bevölkerung fördert und damit den Europa-Gedanken gleichsam von innen aushöhlt.“ , schreibt Thomas Peterson unter dem Titel: „Renationalisierung des Denkens“.4 Er verweist auf eine Allensbachumfrage, deren Zahlen nahelegen, dass in der deutschen Bevölkerung die Bindung an internationale Organisationen abnimmt. „Die Überzeugung, Deutschland benötige eine Einbettung in die internationale Gemeinschaft, verliert langsam, fast unmerklich an Gewicht.“ 5

Was kommt nach der kulturellen Westbindung der westdeutschen Mehrheitsgesellschaft? Die Spurensuche in Sarajewo verlangt andere Schlussfolgerungen als eine Renationalisierung des Denkens, das gilt für Konservative und Linke gleichermaßen.

 

1 Annett Zinsmeister: City + War. A Trip to Sarajewo, 2008.

2 Geleitworte und Einordnungsangebote der Arbeiten von Annett Zinsmeister folgen einer von Herfried Münkler oftmals propagierten neuen sicherheitspolitischen Herrschaftsstrategie aus europäischer Perspektive, die unter Anerkennung der tradierten Vorherschaft der Militärs der USA auf eine deutlich militärisch geprägte Außen- und Sicherheitspolitik der EU setzt. Er diskutiert eine Art neue Imperientheorie aus einer konservativen Perspektive, deren Kongruenz zu einer unhinterfragten inflationären Nutzung eines aktualisierten Imperialismusbegriff innerhalb linker Debatten nicht zu übersehen ist.

3 a.a.O., S. 8

4 FAZ, 20. Juli 2011

5 Ebenda: Inzwischen sehen 66 % der deutschen Bevölkerung den Einfluss Deutschlands in der Welt als groß bis sehr groß an. Im Vorjahr trafen diese Aussage 47 % der Befragten.

 

erschienen im :

Juni-Kalenderblatt 2012, Herausgegeben von Helmut Scholz, MdEP

Texte: Konstanze Kriese; Fotos: Alexander Schippel