„Auch schlechte Menschen können die Welt retten.“

I.

Endzeitliche Öko-Thriller geistern durchs Kino, füllen Bücherregale und lösen ein ums andere Mal Debatten über Gefahren, Risikoeinschätzung und politische Zahnlosigkeit gegenüber der Erderwärmung aus. Romane, wie Schätzings „Schwarm“ (2004) oder McEwans „Solar“ (2010) werden gern auf ihre wissenschaftliche Stichhaltigkeit geprüft. Oft folgen Prozesse gegen die Literaten und deren Rechercheergebnisse über die Klimaforschung, umliegende physikalische Experimente und Richtungen der aktuellen Grundlagenforschung. Michael Crichton, der Erfinder von Jurrasic Park, drehte den Spieß um und machte die Wissenschaftlichkeit unserer Gewissheiten selbst zum Thema, so geschehen in „Welt in Angst“ von (2005).

Das Fiktive der mehr oder weniger poetischen Erzählungen wird häufig entweder völlig übergangen oder mehr und mehr für dokumentarische Münze genommen. Die Tiefe der Erzählungen, ihre literarischen Konstruktionen und Provokationen, vor allem ihre philosophischen Verwirrungen werden hingegen gern links oder rechts liegengelassen. Der Literatur scheint inzwischen angesichts der Tiefe der ökologischen Probleme das Recht auf eine eigene Erzählweise abgesprochen zu werden. Auf der anderen Seite ist die thematische Bearbeitung ökologischer Szenarien offenbar so wichtig, dass sie ein ums andere Mal in politische Debatten eingeflochten wird, sei es, weil die Debatten der politischen Öffentlichkeit z. B. über Emissionsrechte schwer verständlich daherkommen, sei es, weil das weltweit in Echtzeit verfügbare Wissen über Katastrophen biblischen Ausmaßes, wie über den Tsunami vor Thailand am 26. Dezember 2004 oder über die Zerstörung New Orleans durch den Hurrikan Katrina im August 2005, tagelang den medialen Boulevard im Griff hat.

Michael Crichton erfand bei „Welt in Angst“ eine ganze „Ökomarketingindustrie“, die den Kampf um Forschungsgelder, politischen Einfluss und Meinungshoheit auch mit terroristischen Mittel führt. Sein Roman veränderte die allseits unhinterfragte Versuchsanordnung: Was, wenn die Erderwärmung ein Schwindel und wir nur die Opfer einer „korrumpierten Empirie“ sind? Es sei gar nicht ausgemacht, dass die Erderwärmung von Menschen gemacht sei, ja selbst ihr Nachweis hat durch den späten Beginn der Wetteraufzeichnungen nur eine dürftige Basis. „Im Anhang [des Romans] stellt er [Michael Crichton] seine Gedankenlinie vor, die er nicht breit ausmalt, aber immerhin so skizziert, dass man sie nachzeichnen kann. ‚Wir brauchen eine neue Umweltschutzbewegung mit neuen Zielen und neuen Organisationen. Wir brauchen mehr Menschen, die vor Ort arbeiten, draußen in der Natur, und weniger Menschen hinter Computerbildschirmen. Wir brauchen mehr Wissenschaftler und weniger Anwälte‘, lautet sein Credo.“(1) Dass Crichton gegen eine Art politischen Kulturdarwinismus, gegen die Faulheit, selbst zu denken, anschreibt, brachte ihm zum großen Teil nur simple Kritik ein: „Doch Crichton hat ausgerechnet das Thema Klimawandel gewählt, um gegen die Panikmache ideologisierter Wissenschaft zu kämpfen. Dieser Griff musste daneben gehen. Trotz seiner Recherchen, die nach eigenen Angaben drei Jahre dauerten, ist Crichton einer Vielzahl von Missverständnissen und Fehlinformationen aufgesessen.“(2)

II.

„Auch schlechte Menschen können die Welt retten“ befand Harald Jähner einleitend in seiner wunderschönen Rezension3 über den Klimaschutzroman „Solar“ von Ian McEwans (2010). Er stürzte sich auf ein anderes Motiv der gesellschaftlichen Debatten: Wer sind die Menschen, die den Klimawandel umkehren, Energiegewinnung von morgen ausprobieren? Engagierte Menschen, die Müll vermeiden, Fahrrad fahren, Umweltsünden aufdecken, den wachsenden Ressourcenverbrauch in den Schwellenländern und im reichen verschwenderischen Norden anmahnen? Der Roman legt eine ernüchternde Lösung nahe: „Nur, wenn wir marktkonforme Mittel finden, die keinen Idealismus voraussetzen, werden wir unseren Dreck reduzieren können. Die Frage, die sich Beard [die Hauptfigur des Romans] stellt, als er über das glitzernde, aufgeputschte und aufgeheizte London fliegt: „Werden wir uns je zügeln können?“, diese Frage ist in der Logik des Romans eindeutig mit nein zu beantworten. Da muss man nur Beards [des Romanantiheldens] eigenes Wachstum bedenken. Ein Bildungsroman ist dieses Buch nämlich nur insofern, als immer mehr Fett gebildet wird. Ändern wird sich der Mensch auch nicht der Selbsterhaltung zuliebe – das ist die Botschaft.“

Die Weisheit der literarischen Experimente legt immerhin eines nahe. Moralische Appelle sind zu wenig. Politik könnte um einiges kreativer sein, wenn sie Steuerungsmodelle, die ökologisch nachhaltiges Verhalten von Konsumenten und Produzenten fördern können, ausprobiert. Wenn Klima-Regierungsgipfel tagen, wäre es an der Zeit, die Strategie der Selbstverpflichtungen zugunsten verpflichtender großzügiger Investitionen in erneuerbare Energien zu beenden. Den Klimawandel anzupacken, wird viel Geld kosten. Nichtstun kostet allerdings mehr.

Es war ein Physiker, der alternative Nobelpreisträger, Hans-Peter Dürr, der empfahl, kleinste Änderungen – z. B. in der Kommunalpolitik vor Ort – in Angriff zu nehmen: „Ich glaube überhaupt nicht daran, daß man die globalen Probleme auch global lösen kann. Auch die Natur löst globale Probleme, indem sie lokal etwas verändert, auf eine solche Art und Weise, die allmählich in größere Dimensionen hereinwächst. Ich würde persönlich ansetzen beim Energieproblem.“(3)

 

(1) Siehe: Cord Riechelmann – Der unglückliche Positivist. (Eine Pro-Rezension) In: SZ vom 21. Januar 2005

(2) Patrick Illinger – In Öko-Gewittern (Eine Contra-Rezension), ebenda.

(3) Harald Jähner: Physik des guten Wetters. In: Frankfurter Rundschau, 03.10.2010

 

erschienen in:

Juli-Kalenderblatt 2012, herausgegeben von Helmut Scholz, MdEP

Texte: Konstanuze Kriese; Fotos: Alexander Schippel

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1 Kommentar

  1. Frank Heinze

    Michael Crichton hat schon den richtigen Riecher. Gerade angelaufen in den USA ist „Pandora’s Promise“, eine kernenergiebefürwortende Dokumentation von Robert Stone. Rufer in der Wüste, sozusagen. http://pandoraspromise.com
    Mal schauen, ob sich mutige Programmkinos finden, die ihn auch hier in Deutschland bringen….

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