Vattenfall – der schwedische Staatskonzern – hat die ostdeutsche Energiewirtschaft fest im Griff. Besonders munter ist der Energieriese auch, wenn es darum geht, die Problemlagen einer nachhaltigen Energiepolitik weg zu kommunizieren. Das stört Beschäftigte in einer Region, in der die Arbeitsplätze knapp sind, wenig.

Sicherlich wird man kein Angebot finden, bei dem man live die Simulation von Kohlendioxid-Verpressungen, für die sich Vattenfall im Brandenburgischen so vehement einsetzt, nachvollziehen kann. Auch wird kein öffentlich zugänglicher Langzeittest im Kleinformat Risiken dieser fossilen Brückentechnologien erkunden und zum Dialog einladen. Dafür kann man heutzutage Ausläufer des fossilen Zeitalters als Abenteuerurlaub erkunden. Wie kritisch es dabei zugeht, sei dahingestellt. Ob Probleme von Energiesicherheit und -effizienz von einer charmanten Reisebegleitung angerissen werden? Es kommt auf den Versuch an. „Mehr als 40 Prozent des deutschen Stroms wird aus Braunkohle erzeugt.“, erfährt man kommentarlos auf der Homepage der Stadt Welzow. „Als ‚Stadt am Tagebau“‘ blickt Welzow auf eine 150-jährige, florierende Industrieentwicklung zurück. Die nächsten Jahrzehnte wird der Tagebau Welzow-Süd direkt an die Stadt heranrücken. Dies birgt die große Chance, den gewaltigen Tagebau direkt zu erleben und zu begreifen.“

Und dann folgt eine ostdeutsche Vergnügungsparkversion, die es in sich hat:

„Tagebau live erleben!

Besichtigen Sie den Landschaftswandel im Zeitraffer – von der Kohlegewinnung zum wieder aufgeforsteten Energiewald. Kommen Sie in Tuchfühlung mit gigantischen Maschinen und tauchen Sie ein in bizarre Landschaften. Fahren Sie ein wie die Bergmänner mit dem Mannschaftstransportwagen hinunter in den aktiven Tagebau.

Oder erleben Sie Canyons, Wüsten und Oasen auf einer sinnlichen Tagebauerkundung mit Überraschungs-Imbiss inmitten bizarrer Landschaft. Von hier erschließt sich Ihnen die Lausitzer Naturlandschaft, der Tagebau und was daraus gemacht wird: das neue Lausitzer Seenland – ob mit dem Rad, dem Quad, dem Jeep, zu Pferd oder auf dem Floß…“

Im der Niederlausitz entsteht gerade die größte Seenlandschaft Europas. Bei Welzow wird der Ilsesee geflutet. Wer noch mehr Fragen hat, kann sich gleich direkt an die Vattenfall Europe Mining & Generation wenden, empfiehlt der städtische Tourismusverein.1

Wie erfindet sich eine Region neu, die zwischen Kohle und Seenlandschaft, zwischen gestern und morgen, zwischen Abwanderung und Abenteurertum ihren Alltag bewältigt. In der Niederlausitz erinnert beinahe alles an die Glanzzeiten des Bergbaus. Die Bergarbeiter im Ruhestand sind für die nächsten Jahrzehnte womöglich die letzte vermögende Generation in Revier. Der Spaziergang oder die Abenteuertouren durch die Landschaften zwischen Gestern und Morgen wird die Jungen kaum halten. Die Region wird weiter schrumpfen. Sie ist damit keine Ausnahmeerscheinung in Europa.

Jetzt schreiben wir 2011 und die Tage der Braunkohle sind längst nicht gezählt. Ihre weitere Abbaggerung ist klimapolitisch grenzwertig. Man kann Vattenfalls Pläne politisch bekämpfen oder zu Übergangstechnologien erklären. Man kann und muss abwägen zwischen Herausforderungen des Klimawandels und den aktuellen Lebensbedürfnissen. Dabei geht eines allerdings nicht: Die Gewinne der Gegenwart privatisieren oder national verstaatlichen, wie im Falle der Schwedischen Vattenfall AG und Probleme der Zukunft sozialisieren. Diese verantwortungslose Politik können alle europäischen Fördermittel, wie EFRE und Rechar (Fonds zur Überwindung der Monostruktur in Bergbauregionen) nicht ausgleichen. Statt weiterer Reparaturfonds brauchen wir wesentlich mehr Zukunftsfonds für Spinner und die Menschen, die morgen in der Lausitz leben wollen.

Wer fordert endlich eine Spinnerabgabe für Energieunternehmen, die der letzten Braunkohle hinterherjagen. Wer investiert real in eine andere Energiepolitik, die ressourcenschonend und klimaneutral ist? Die Verwüstungen von heute verlangen mehr politische Anstrengungen, als im touristischen Marketing zum Abenteuer verklärt zu werden.

 

1 Auf der Homepage der Stadt: http://www.welzow.de/Tourismus/Sehenswuerdigkeiten/Tagebau wird abschließend folgende weiterreichende Empfehlung gegeben: „Weitere Informationen: Vattenfall Europe Mining & Generation, Vattenfall Europe Mining AG, Vom-Stein-Straße 39, 03050 Cottbus, Telefon (03 55) 28 87 – 30 50, Telefax (03 55) 28 87 – 30 66, Web: www.vattenfall.de, Mail: erzeugung@vattenfall.de, Ansprechpartnerin vor Ort: Gabriela Wagler.“ – Unternehmenskommunikation als Rundumsorglospaket.

 

erschienen in:

Kalenderblatt-September 2012, herausgegeben von Helmut Scholz, MdEP

Texte: Konstanze Kriese; Fotos: Alexander Schippel