Im Jahre 1837 wurde in Haidemühl eine Glashütte errichtet. Es verging noch ein Jahrhundert, bis aus 30 Stunden Nonstop-Maloche ein 8-Stundentag  wurde. Hohlgläser, Lampenschirme und Parfümflaschen kamen aus der Hütte. Zu DDR-Zeiten ging die Glashütte in Volkseigentum über, wurde sie wieder einmal modernisiert und um ein großes Kulturhaus erweitert. Ab 1971 war die Haidemühler Hütte der Alleinhersteller von Milchflaschen, die einen halben Liter fassten und in die auch der stichfeste Joghurt gefüllt wurde.Der Export, so kann man heute nachlesen, ging auch in westliche Staaten.(1) Da drängt sich doch die Frage auf, welch‘ Eigentümer im Westen vor 1990 einfach nackte Milchflaschen kaufte? Klebte da jemand Biomilchschildchen auf, die den Eindruck von Handgeschriebenem vermitteln sollten? Wenn auch das komische Volkseigentum, das irgendwie niemandem zu gehören schien, nicht dazu verführte, dass die tatsächlichen Eigentümer sich als die Besitzer fühlten oder umgekehrt, so versteckte sich hinter der schlichten Funktionalität der ostdeutschen Milchflaschen eine eigenwillige utopische Bewandtnis. 1993 schrieb Kenneth Anders eine Geschichte, in der ein West- und ein Osthydrant sich philosophierend auf einer Müllkippe wiederfinden. In diesen Dialog mischte sich irgendwann eine Milchflasche ein: „In der DDR …war ich mein eigenes Symbol“, fing sie an zu dozieren. „Wenn die Rede von Milch war, dachte jeder gleich an mich und meinen weißen Inhalt … Durch das Pfandsystem konnten die Leute sogar nie ganz sicher sein, ob sie uns nicht schon einmal in der Hand gehabt hatten … Heute gibt es H-Milch in Tetra-Packs, Schlauchmilch, Frischmilch … in solchen … und in solchen Flaschen mit unterschiedlichen Etiketten und verschiedenen Fettgehalten von tausend Firmen und Milchhöfen. Die Milch gibt es nicht mehr.“(2) Und weiter verstrickte sich die alte Milchflasche in abstrakte Mittelwerte der Vorstellung von Milch, die als zusammengekippte Soße endete. Ob es überhaupt Milch ist, fragt da kaum noch jemand.

1280 Beschäftigte verlieren 1992 mit der Schließung der Glashütte ihre Arbeit. Die Fragen der plappernden Milchflasche gehörten damals bestimmt nicht zu den brennendsten. Jetzt holen uns die europäischen Milchbauern auf den Boden der nackten Milchtatsachen und verlangen, dass wir den Blick von den vielen verschiedenen Milchbehältnissen wieder auf den Ursprung der Milch lenken. Sie fragen auch, ob der freie Wettbewerb der Handelsketten wirklich das Non plus Ultra unseres planetaren Zusammenlebens mit Milch (und Brot) sein kann.

Irgendwie hatte die Haidemühler Milchflasche, die ihr Dasein ohne Exporterfahrung begründen wollte, all diese Fragen durch ihren praktischen Gebrauch schon mal vorgedacht.

 

1 Die Informationen wurden von SG zusammengetragen. Siehe Pressglas-Korrespondenz, 2007-3-06, S. 282

2 Kenneth Anders: Müll. In: Autorenkollektiv. Das Dederon. Eine Wahrnehmungsleistung. Berlin 1993, S. 132

(Kalenderlatt April 2010 – Lausitzkalender)