Krzysztof Wojciechowski, der Autor des unglaublich dichten Buches Meine lieben Deutschen (2002 im Westkreuz-Verlag, Berlin/Bonn erscheinen), belebte eine Tagung kurz vor der EU-Erweiterung, im Februar 2004, mit folgendem verwirrenden Fazit: „Neben dem zivilisatorischen Nutzen hat das Frühaufstehen auch noch einen metaphysisch-theologischen Nutzen. Das jüngste Gericht beginnt mit Sicherheit um vier Uhr morgens. Natürlich werden die Deutschen als erste in der Schlange stehen, mit Handgepäck ohne Übergewicht und mit vollständigen Papieren. Der verschlafene Herrgott brummelt ein wenig und lässt sie dann in den Himmel, denn um vier Uhr will schließlich noch niemand radikale Entscheidungen treffen. Die Deutschen belegen natürlich die besten Plätze, was dazu führt, dass die irdischen Streitereien die ganze Ewigkeit über andauern werden. Deshalb meine ich, dass die Idee, das Paradies sei in politischer Hinsicht ungefährlich, nicht zu akzeptieren ist.“(1)

Was uns Wojciechowski eigentlich erzählte, sind seine Lebenserfahrungen und zwar so eindringlich, dass schnell zu verstehen ist, dass jede Historie, die von den Polen und den Deutschen spricht, keinen Bestand haben wird und eine geschichtliche Auseinandersetzung geradezu herausfordert.

Dies tat der wissenschaftliche Nachwuchs der Europauniversität Viadrina aus Frankfurt/Oder auf einer Tagung 2004, indem er seine Sichtweisen auf Stereotype, die über „Polen“ und „Deutsche“ herumgeistern, ausbreitete.(2) Da gab es nicht nur eine verschwundene Meinungssoziologie vor 1989 in der DDR und in der VR Polen zu konstatieren, da wurde zugleich auf das spürbares Desinteresse verwiesen, dies aufzuarbeiten. In vielen Beiträgen kehrte ein Motiv immer wieder. Es handelt sich um ein asymmetrisches Alltagswissen, das polnische Bürger und deutsche Bürger über die Nachbarn haben und pflegen. Das Wissen vieler Bürgerinnen und Bürger aus Deutschland ist im Vergleich zu zum erfahrungsgesättigten Alltag in Polen dürftig. Stereotype entfalten damit eine große Lebensfähigkeit. Sie bestimmen Filter des Sehens und des Verarbeitens der Bilder vom Leben der Nachbarn. Zwei Studenten beschrieben dieses Faktum am Beispiel des Kniefalls Willy Brandts. Er wurde in der westdeutschen Öffentlichkeit von Beginn als spontane, beeindruckende Versöhnungsgeste gegenüber Polinnen und Polen verstanden. Das Ereignis – der Kniefall in Warschau, vor dem Ehrenmal der Helden des jüdischen Ghettos – geschah am 7. Dezember 1970 unmittelbar vor der Unterzeichnung des Warschauer Vertrags zwischen der Volksrepublik Polen und der Bundesrepublik Deutschland. Willy Brandt bekam 1971 den Friedensnobelpreis. In der Bundesrepublik befand zu diesem Zeitpunkt – nach einer Umfrage des Spiegels – fast die Hälfte der Bevölkerung die Geste übertrieben, 41 Prozent der Befragten angemessen und 11 Prozent hatten keine Meinung. In der DDR schwieg man sich offiziell aus. Wen interessiert in der deutschen Gesellschaft eigentlich, wie in Polen auf die Vergebungsgeste reagiert wurde?

Sie löste durchaus auch Irritationen aus und diese haben so weitreichende, verschlungene Wurzeln, dass die Befunde dazu nicht einfach sind. Der Vernichtungskrieg Hitlers war erst 25 Jahre vorüber. Während der Aufstand im jüdischen Ghetto unmittelbar zur Gründung Israels führte und der ganzen Welt vor Augen hielt, dass die Gründung eines Staates, in dem jüdische Mitbürger keine Angst haben brauchen, ein anerkannter Bezugspunkt der Aufarbeitung deutsch-polnischer und europäischer Geschichte war, blieb der Warschauer Aufstand eher im Dunkeln des Erinnerns. Mit dem Kniefall am Mahnmal des Ghettos war in der polnischen Öffentlichkeit, im Alltagsdenken der Überlebenden nicht sofort klar, dass er auch allen polnischen Bürgerinnen und Bürgern gelten sollte, dass er die Anerkennung ihrer verbrecherischen Besetzung genauso einschloss, wie die Sprachlosigkeit gegenüber dem Holocaust. Erst als die westdeutschen Interpretationen ausschließlich in diese Richtung wiesen, fand die Geste Willy Brandts allmählich eine breite Akzeptanz in der Bevölkerung Polens. Sie war vor allem für viele aus der jüngeren Generation ein Zeichen für eine Partnerschaft, die von alltäglichen Begegnungen und freundschaftlichen Kontakten geprägt werden kann.

Adam Krzeminski geht noch weiter in seinen Beobachtungen: „Ohne Zweifel wirkt die historische Geste Willy Brandts in Deutschland und in im westlichen Ausland stärker nach als in Polen. In der Wendezeit wurde in Polen verständlicherweise mehr über Katyn und alle anderen totgeschwiegenen Orte des polnischen Martyriums in der Sowjetunion gesprochen als über das lange Zeit staatlich ritualisierte Gedenken an den Genozid in Auschwitz.“ (3) Worauf der Historiker nicht eingeht, ist die seltsame Verschmelzung von staatlich verordneter Gedächtniskultur mit latentem Antisemitismus, der in der Geschichte Osteuropas – und auch den sozialistischen Nachkriegsstaaten – bis heute wenig aufgearbeitet ist. Eine junge Universität an der deutsch-polnische Grenze, die Viadrina in Frankfurt/Oder, geht hier neue Wege. Oskar Negt verwies im Oktober 2011 darauf (4), dass sich Demokratie nicht auf Verfahren reduzieren lässt und die politische Legitimationskrise nur mit riesigen Bildungsprozessen aufzuhalten ist. Um die Weichen für eine gemeinsame, bessere Zukunft Europas zu stellen, müssen sich Menschen aus Estland und Griechenland ihre regionale Geschichte erzählen.

(1) Konferenzbeitrag, siehe 2, Zitiert http://www.kulturation.de/ki_1_thema.php?id=65 – letzter Zugriff, 22. Oktober 2010

(2) Tagung „Die Deutschen und ihre östlichen Nachbarn – wirtschaftliche und kulturelle Aspekte der neuen europäischen Situation“, Februar 2004 in Berlin – einzelne Beiträge sind nachzulesen auf www.kulturation.de

(3) Merkur“ Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken – Nr. 619, Heft 11/2000, S. 1088

(4) Rede auf der 2. Tagung des deutschen Städtenetzwerkes am 7. 10.2011 in Berlin unter dem Titel „Vom Wutbürger zum Citoyen“

 

erschienen in:

Kalenderblatt-Oktober 2012, herausgegeben von Helmut Scholz, MdEP

Texte: Konstanze Kriese; Fotos: Alexander Schippel