Wer – aus einer europäischen Perspektive – Menschen hinter dem Geflecht der Warenströme auf unserem Planeten sehen will, geht ins Kino und schaut sich Hubert Saupers preisgekrönten Dokumentarfilm: Darwin’s Nightmare (2004) an. Während der Filmemacher in den 90er Jahren den Bürgerkrieg in Ruanda dokumentierte, wohnte er auf dem Flughafen im tansanischen Mwanza einem seltsamen Warenumschlag bei. Während aus einem Flieger Lebensmittel aus organisierter UN-Hilfe für ruandische Flüchtlinge ausgeladen wurden, wurde eine andere Maschine mit frischen Fischfilets für Europa gefüllt. Die Ungerechtigkeit war kaum zu überbieten. Daraufhin recherchierte und filmte der Regisseur Sauper ein handelspolitisches Drama über die Lebensumstände rund um den Victoriasee, in den man in den 60er Jahren – eher experimentell – den nach dem See benannten Raubfisch ausgesetzt hatte. Die Bilder eines entsetzlichen Hinterhofs des reichen Nordens verfehlten nicht ihre Wirkung. In Europa wurde der Dokumentarfilm zum Teil von Wissenschaftlern und auch politisch angefeindet. Heftige Debatten über die verdichtete Geschichte von der dunklen Seite der Globalisierung und den Zweck des Dokumentarischen füllten die Feuilletons. Während in Europa gepflegt gestritten wurde, wurden in Tansania Menschen inhaftiert, die Sauper beim Aufdecken der Missstände geholfen hatten. Diesen galt Saupers weiteres Engagement. Er verteidigte den Film, in dem er Geld für Anwälte, Kautionen und Ausreisen sammelte. Seine Botschaft blieb klar: Was auf unsere Teller kommt oder in unseren Computern tickt, ist oft nicht nur sinnlos weit gereist, es wird tagtäglich von Menschen unter miesen Arbeitsbedingungen und schlechten Lebensperspektiven hergestellt. Sauper reagierte zumeist gelassen gegen den Vorwurf der Symbolisierung internationaler Konflikte mit dokumentarischen Mitteln. Er konnte leider davon ausgehen, dass seine Geschichte an vielen Orten der Welt passiert: „nur wäre der Fisch [in Sierra Leone] ein Diamant, in Honduras eine Banane und in Angola, Nigeria oder im Irak schwarzes Öl.“

Wir müssen nicht weit fahren, um hinter die Kulissen der Warenströme zu schauen. Hinter einem goldenen Riegel der Faszination liegen die Probleme zum Greifen nahe. Die ungelösten Fragen türmen sich in riesigen Containerkaskaden, wenn wir in Hamburg sind. Statt der gemütlichen Bootsfahrt durch die Speicherstadt, die uns die gemauerte Geschichte der Warenproduktion und des Handels beschaulich näher bringt, kann man auch den aufregenden Umschlagplätzen der Güterhäfen1 ziemlich nahe kommen. Da treibt logistisch Unfassbares sein unsichtbares Spiel. Die Zahlenmystik der Wertjäger hat hier noch kleine lebendige Ziffern, die auf Gebrauchswerte verweisen. Die Hochstapelei herzloser Wertsteigerung ist hier noch sinnlich greifbar. Hier im Hafen sind die Bewegungen, die wie von Geisterhand Ausbeutung, Wohlstandgefälle und ungerechten Welthandel reproduzieren, fast noch sichtbar. Die Faszination der Umschlagsarbeiten offenbart zugleich die Tatsache, dass die Mehrheit aller Güter aus Asien kommt. Hier türmen sich die containergroßen Fragen, nach einer gerechten Handelspolitik, neben der Tatsache, dass die philippinischen Arbeiter in ihren Pausen nicht einmal das deutsche Festland betreten dürfen. Warum? Warum steht die EU, geronnen aus den Lehren europäischer Kriege, aus Kulturgeschichte und Aufklärung, nicht konsequent für einen Welthandel, der menschenrechtlichen, ökologischen und sozialen Kriterien unterworfen ist? Der Victoriabarsch auf unserem Teller zeigt unsere Beteiligung an ökologischen und sozialen Verwüstungen, die uns einholen. Das Wort Handelskrieg kennen alle und wir ahnen, dies läuft – wie auch in vielen anderen Jahrhunderten – relativ friedlich ab. Doch ein Handelsfrieden ist es deshalb noch lange nicht.

 

(1) http://www.hhla.de/ Die Hamburger Hafen und Logistik AG grüßt auf ihrer Homepage mit einem freundlichen „Die Welt wächst zusammen“

 

erschienen in:

Kalenderblatt-November 2012, herausgegeben von Helmut Scholz, MdEP

Texte: Konstanze Kriese, Fotos: Alexander Schippel