Der Text erschien zum 5. Erich Mühsam-Fest am 12. Juli 2014 in einer Sonderausgabe der #Nolo

Die Festzeitung

Die Grenzen meines Körpers sind die Grenzen meines Ichs. Die Hautoberfläche schließt mich ab gegen die fremde Welt: auf ihr darf ich, wenn ich Vertrauen haben soll, nur zu spüren bekommen, was ich spüren will

Jean Améry

1

Sommer 1984. Längst war mir bekannt, dass Hegel, wenn er über Musik schrieb, in seiner Ästhetik, also in der Theorie, den Beethoven vor seinem geistigen Auge sah. Dies war insofern durchaus erstaunlich, denn dessen Musik erzeugte zu seiner Zeit noch reihenweise Herz-Rhythmusstörungen und Ohnmachtsanfälle, wenn sie in kleinen Salons erklang. Vielleicht war auch deren Interpretation beim Spiel nach Noten eigenwillig. Das werden wir nicht mehr herausfinden. Tonaufnahmen waren noch nicht erfunden. Jedenfalls wurden diese hochstrukturierten Kompositionen von Beethoven in den philosophischen Theorien von Hegel als Musik geadelt. Schrieb der große Philosoph allerdings Briefe nach daheim, dann war es nicht Beethoven, sondern Rossini, waren es die lieblichen Stimmen manch attraktiver Sängerinnen, die ihn zu freundvollen Beschreibungen hinrissen. Die Musik, von der er meinte, dass  sie in seinem Koordinatensystem der Welt wahre Musik sei, unterschied sich demnach gravierend von dem, was der große Hegel gern hörte, was sein Ohr erreichte und sein Herz berührte.

Viel Wunderliches dieser Art hatte ich in der sinnlichsten aller Geschichten, der Geschichte des Musiktheaters schon geschildert bekommen und für immer – klanglich gesättigt – zum Weitergrübeln aufgesogen. An einem sonnigen Vorlesungstag, der Professor hieß Gerd Rienäcker, wurde gerade Franz Lehars Industriebetrieb zur Erschaffung vergnüglicher Operetten und populärer Melodien zum Klingen gebracht. Das musikalische 20. Jahrhundert war noch jung, kannte noch keine massenhaften Rückkopplungen und Mephisto hatte, wie in Thomas Manns Zauberberg geschehen, der Menschheit noch nicht einmal die Zwölftonmusik vermacht.

Dicht gedrängt atmeten vierzig Studentinnen und Studenten in einem, für ungefähr zwanzig Orchideenfächler ausgelegten Raum. Der Würfel besaß die abwaschbare Freundlichkeit eines modernen Klassenzimmers. Der einzige Gegenstand, der die Raumanmutung subversiv, ja beinahe dekadent durchbrach, war ein weißes Klavier. Es wurde von dem, der gerade die Welt eines modernen arbeitsteiligen nahezu industriellen Theaterbetriebes beschwor, vom Musiktheaterprofessor höchst selbst, aufgeklappt und vollends in Besitz genommen. Samt einer süßliches Säuseln imitierenden Stimme hämmerte er sich und die verbliebenen frischen Luftschichten in alle Wiener Walzer dieser Welt. Es war nicht schwer uns selig grinsend zu wecken, zu erwischen und im Dreivierteltakt zu vereinnahmen. Es war eher hochgradig amüsant, wie glasklar und durchsichtig er diese breitflächigen, gesellschaftlich längst akzeptierten, Walzer spielte. Das klang so gar nicht nach Lehar, sondern erinnerte eher an Bach, der sich gerade verzweifelt Gott zuwandte, weil er seine Schöpfung so ohnmächtig vor einem Dreivierteltakt dahinschmelzen sah. Immerhin wurden Walzer zu Zeiten ihres Aufkommens heftig bekämpft, weil sie offenbar ganz „niedere“ Verlockungen und Verdrehungen der menschlichen Seele anzustiften wussten.

Wir erschraken just in dem Moment, als der Klavierdeckel zurück auf die vor Begehren zitternden Finger knallte. Es schmerzte. Ganz sicher. Alle SM-Spiele erschienen uns gegen diesen magischen musikalischen Fetisch, das selbsttätig hämmernde und zuschappende Klavier, wie ein zart angedeutetes Rollenversprechen ohne ernsthaften Erregungsfaktor. Die Macht der Musik war in diesem Moment eindeutig stärker als all unsere abrufbaren erotischen Fantasien.

Der Vorlesende holte tief Luft und konfrontierte eher sich als uns mit folgenden glühenden Überlegungen: „Haben sie dieses Schwingen, dieses Ein- und Ausschwingen, dieses Ba dam-pam-pam, pam-pam-pam, pam-pam-pam, pam-pam-pam… ba da di da da da  di da da, wui, wui-wui, ui-ui, ui-ui… gehört? Da weiß man doch schon, dass die Geschichte der Notation ein historischer Sonderfall innerhalb Europas war und dass ich überhaupt nicht sagen kann, wie ich aus der Perspektive einer marxistischen Musikwissenschaft einen Schuss Romantik beschreiben soll!“ Die Stimme schwoll noch lauter als während des satyrartigen Gesangs an. „Dieses ganze kategoriale Gebäude ist doch völlig untauglich, für alles, was da passiert, vom Ein- und Ausschwingen bis zur Revolution und wenn es erst einmal  die innermusikalische sei …“[1]

Schweigen im Raum.

Nie mehr habe ich Musikhören, lebendige Theorienbildung und die dazugehörigen Irrungen und Wirrungen und das sinnlichste Begehren in einem öffentlichen Raum der Bildung so nah beieinander erlebt.

 

2

Winter 2014. Erst kürzlich bekam ich ein kleines Bändchen von Carolin Emcke[2] geschenkt. Es enthält eine radikale Abhandlung über Musik, Liebe und Freiheit, die mich an all meine Hörerfahrzungen und Erschütterungen durch Musik erinnerte, aber nicht nur daran. Zwar verhandelt sie im Ausgangspunkt nicht diese physische Dichtheit von Schmerz und Klang, wie im eingangs beschriebenen Vorlesungsereignis, dafür schichtete die Autorin eine diachrone Erfahrung, eine Art biografisches Crescendo auf, in dem wie bei der Komposition einer Sinfonie, die Entstehung unseres Begehrens hinterfragt wird. Es geht um die Entdeckung des sich ändernden Begehrens jenseits von Normen und medialen Bildern. Und es geht um das verordnete Schweigen und die normierte Blindheit gegenüber unserem Eros, da seine Erweckung, wie kann es anders sein, nie außerhalb aller sozialen Konstruktionen geschieht. Für einen ihrer Mitschüler endete dieses unmittelbare wie universale Erfahrung mit sich selbst, die Entdeckung des eigenen Begehrens, im Selbstmord. Die Vertrautheit mit dem Unsichtbaren in uns wurde zur tödlichen Begegnung mit der Welt statt zur befreienden Offenbarung mit sich selbst.

Es war, wie sie selbst feststellen konnte, schließlich die Musik, die ihr, der Autorin, das Überleben in einer homophoben Welt sicherte, die ihr die Räume öffnete, dem eigenen, sich wandelnden, Begehren zu begegnen ohne daran zu verzweifeln. Im Gegenteil. Mitten im Text fragt sie mit Blick auf die Verurteilungen von homosexuellen Männern nach dem § 175, von denen Frauen formal ausgenommen waren: „Und was ist die Verbindung von körperlichem Begehrensformen, psychischem Verhalten und Sozialbild? Das Bundesverfassungsgericht meint(e): ‚Die kulturelle Aufgabe, Lustgewinn und die Bereitschaft zur Verantwortung zu verbinden, wird von dem männlichen Sexualverhalten extrem häufiger … verfehlt als von dem weiblichen.‘ Mal abgesehen von der Komik der biologistisch-essentialistischen Überzeugung, männliche Sexualität sei per se verantwortungslos und sozial ‚verfehlt‘, verfestigt sich hier implizit die Sicht der männlich-aktiv-lustvollen Ungezügeltheit und der weiblich-lustlosen Pflichtschuldigkeit.“ (Emcke; 117)

Es ist offenbar noch nicht so lange her, dass einerseits ein Lustempfinden von Männern, während sie gefickt werden als staatsgefährdend eingestuft wurde. Und andererseits scheint sich noch zäher scheint zu halten, dass weibliches Begehren gar nicht existiert. Deshalb war es biopolitisch unnötig, ein kulturelles oder juristisches Verbot lesbischer Beziehungen in die öffentlichen Debatten einzuschreiben. So konstatierte Emcke trocken: “Weibliche Subjektivität, weiblicher Eros, entkoppelt vom Begehren des Mannes, losgelöst von den Bindungsnöten einer bürgerlichen Familie, das tauchte nicht auf. Eine ‚unverantwortliche‘, promiske weibliche Sexualität, die sich ausleben will, begehren nur um des Begehrens willen, das musste nicht einmal tabuisiert werden, weil es niemand auch nur denken konnte.“ Und wir sprechen hier von einer Zeit, die über die sogenannte sexuelle Revolution der 68er Heteromänner längst hinweggegangen war und eher das Jahr der eingangs beschrieben Begegnung mit dem manisch intonierten Vorlesungswalzer umkreiste.[3]

Emcke entwirft einen Dreiklang von Musik, Liebe und bedingungsloser Vertrautheit in die eigenen unsichtbaren Wahrheiten, der in besten subjektiv-idealistischen Traditionen steht. Dieser Dreiklang entpuppt sich durchaus als Referenz zu anarchistischen Handlungsmaximen und Lebenserfahrungen, wie sie auch Mühsam im Prinzip Nolo herausschreit. „Diese metaphysische Gestimmtheit bedeutete, wie Jean Améry das einmal formuliert hat, eine gewisse Unabhängigkeit von der sichtbaren Ordnung der Dinge, ein selbstverständliches Aufgehobensein jenseits all der realen Erfahrung in der Wirklichkeit, eine Form der Unverwundbarkeit. So wie Liebe und Musikalität ist dieser Glaube unverfügbar, er lässt sich nicht beschließen, nicht begründen. So wie Liebe sich nicht beschließen lässt und jede Begründung, warum man einen Menschen liebt, jede Erklärung, die mit Eigenschaften der Geliebten auffährt, mit Beschreibungen von Gemeinsamkeiten oder Ähnlichkeiten, immer nur nachgeschobene Gründe bleiben, nur Illustrationen oder Symptome der Liebe, so wie die Liebe im Kern grundlos bleibt, eben weil sie geschieht, weil sie einen einnimmt, weil sie den Grund in sich selbst trägt, mit sprachloser Evidenz, so ist dieser Glaube. Wie Liebe oder Musikalität ist diese Vertrautheit mit dem Unsichtbaren ein Geschenk, das sich nicht fordern oder ablehnen lässt.“ (Emcke; 66)

 

3

Ein Glaube an sich selbst, der unverwundbar von gesellschaftlichen Institutionen scheint, der Diskriminierung oder hegemoniale Normen, staatliche Regelungen und mediale Bilder mit Distanz seziert und dabei die Entdeckung der eigenen Persönlichkeit in aller Tiefe und Sinnlichkeit gestattet, hat im Musikhören oder im emotionalen Kern des Liebeserlebens so etwas wie feste Nahrung.

„Du bist wie Anarchismus für mich…“ seufzte die Grand Dame des amerikanischen Anarchismus, Emma Goldman,[4] angesichts ihrer selbstverwirrenden Liebesbeziehung zu Ben Reitman. Zum einen lehrte sie diese Beziehung offenbar mehr über das eigene Begehren, zum anderen schlug sie sich mit der eigenen Befangenheit in Herrschaftsstrukturen und Konventionen herum, wurde nicht müde Besitzansprüche und Ängste aus der Position der bekannten und – staatlich verfolgten – Persönlichkeit zu formulieren. Sie ging sogar soweit, dass sie die Tragweite dieser Beziehung im Selbstbild herunterspielte und biografisch kleinschrieb. Erst ihre Briefe[5] offenbaren die Bedeutung des Begehrens, das Ausleben von Verführung und Lust für ihren politischen Alltag. Themen wie Verhütung und Sexualität, Prostitution und Ehe gehörten zu ihrem festen Repertoire politischer Debatten, übrigens genauso wie die Funktion und Wirkung von Theater.

Auffällig bleibt, dass Appelle an das Selbstvertrauen, an Erfahrungen mit Kunst und Eros als Lebensmittel oder die Beschwörung eines autonomes Handeln ohne Blindheit gegenüber Herrschaftsstrukturen in anarchistischen Traditionen öfter zu finden sind, als in anderen Denktraditionen, die dem linken Spektren zuzurechnen sind. In der sozialen Frage des 19. Jahrhunderts wurde sich besonders an den tatsächlich neu entstandenen lohnarbeitszentrierten Verteilungskonflikten abgearbeitet. So wurde tendenziell Gleichheit und Solidarität, im alten Gewand der Brüderlichkeit, über den Freiheitsanspruch, wie er mit der französischen Revolution, natürlich Frauen und Sklaven ausschließend, formuliert wurde, gestellt. In dieser reduzierten Befreiungsidee steckte damit auch der Nährboden für alle staatssozialistischen Theorie- und Praxisgebilde. Die Freiheit wurde hingegen Künstlerinnen oder bürgerlichen Philosophen überlassen und inzwischen sogar an die politische Strategen des Neoliberalismus verschenkt.

Damit standen Familienbeziehungen, Nord-Süd-Konflikte, Geschlechterbeziehungen,  Naturausbeutung und Biopolitik lange Zeit außerhalb der Befreiungsideen, obwohl die  Entzauberung aller Verhältnisse, nicht nur der ökonomischen, in Marx Manifest als Akt der Befreiung, als wunderbare Tat der großen bürgerlichen Revolution, gebührend besungen wurde. Es sollte noch mindestens ein halbes Jahrhundert dauern, bis eine, die Ratio überwindende Offenheit gegenüber dem eigenen Begehren, überhaupt wieder als politischer Akt verstanden wurde. Der Feminismus des 19. Jahrhunderts samt der umfassenden Goldmanschen Kritik hatte hierzu durchaus wichtige Schritte unternommen, damit in die frühen Gleichstellungsforderungen auch die eigenen Verstrickungen im sozialen Kuhhandel der bürgerlichen, heteronormativen Ehe nicht unberücksichtigt blieben. In einer Gesellschaft, in der für Frauen der Heiratsmarkt mehr existenzielle Sicherheit verspricht als der Arbeitsmarkt, und dies ist heute durchaus noch ein reich beschwiegenes Thema, ist kaum Platz für die Entdeckung des eigene Begehren. Unter diesem Blickwinkel bekommen alte Forderungen nach ökonomischer Unabhängigkeit aller Geschlechter eine völlig andere Bedeutung. In den eher lebensweltlichen denn arbeitszentrierten anarchistischen Ansätzen sind sicher noch einige Schätze zu heben, denn die hier behauptete Entdeckung des Begehrens aus dem Geiste der Musik ist womöglich politischer, produktiver und gesellschaftlich eruptiver als manch verteilungspolitische Sozialcharta.

 


[1]             Gerd Rienäcker möge mir verzeihen, wenn er etwas völlig anderes gesagt, gedacht und gemeint hatte. Es liegt genau 30 Jahre zurück.

 

[2]             Emcke: Carolin: Wie wir begehren, F. a M, 2013

 

[3]             Auf die hegemonial und staatlich verfolgte binäre Geschlechterkonstruktion wird hier nicht weiter eingegangen, obwohl sie gleichfalls Vieles unsichtbar macht, was Menschen in Qualen und Nöte treibt.

 

[4]    Emma Goldman,  amerikanische Anarchistin, Femninistin und Friedensaktivistin (1869 – 1940) galt zu in den USA als gefährliche politische Aktivistin, bekannt durch Reden und Schriften und aus dem Umfeld von Alexander Berkman und Johann Most. Sie propagierte die freie Liebe, ihre Briefe lassen sie durchaus bisexuell erscheinen. Sie setze sich u. a. kritisch mit dem asketischen Impetus der damaligen Frauenbewegungen auseinander., Ben Reitman (1879 – 43), über ein Jahrzehnt ihr Geliebter und Manager, bisexuell, gehörte nicht unmittelbar zur intellektuellen „Avantgarde“ der anarchistischen Chikagoer Zirkel. Er war Arzt für Obdachlose und Prostituierte und wird noch heute in Chikago verehrt. Trotzdem spielt er in der Aufarbeitung der anarchistischen Bewegungen eher eine kleinere Rolle, wozu selbst Goldman einen Beitrag leistete.

[5] Siehe: Candace Falk: Liebe und Anarchie & Emma Goldman. Ein erotischer Briefwechsel. Eine Biographie, Berlin 1987