Der Titel der Streitschrift des Architekturtheoretikers Wolfgang Kil „Luxus der Leere“ hat eine erklärende Unterzeile:  „Vom schwierigen Rückzug aus der Wachstumswelt“.  (1)

Wir wissen bis heute nicht genau, wann die Zeit des Wachstumsdenkens begann. Europas Erblühen datiert schon einige Jahrhunderte vor der Erfindung der Dampfmaschine, die im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung hätte gebaut werden können. Doch erst 15 Jahrhunderte später akkumulierte die Dampfmaschine Kapital. Immerhin können wir Europäer vermerken, dass die Geschichte der Warenproduktion in den letzten 200 Jahren auf ihrem eigenen Vulkan zu tanzen begann. In solch historisch kurzer Zeit haben Menschen gelernt, im Minutentakt zu denken, bei vielen Arbeiten zum Nachteil ihrer Wirbelsäule zu sitzen, in den Spiegel zu schauen. In der westlichen Welt träumt manch einer von Designerbabys. Gegenüber der westlichen Welt wächst der größte Teil der Weltbevölkerung. Es ist kaum Zeit, die menschlichen Metamorphosen der großen Industrie zu verarbeiten. Überhaupt keine Zeit bleibt für die Wahrnehmung ihrer wachsenden Leerstellen.

Die kulturelle Umnutzung der „schrumpfenden Städte“ hatte sich geschwind zum Modethema entwickelt. Ganz klar, für Intellektuelle, jugendliche Sinnsucher und späte Aussteiger sind Brachen Freiräume. Wolfgang Kil nimmt den Zugang künstlerischer, experimenteller Lebens- und Arbeitsweise ernst, seine Fragen gehen allerdings tiefer. Nicht alle können in der Leere einen Luxus erkennen. Dies gilt für die vom Wachstum beseelten Wirtschaftseliten, für die große und meist auch kleine Politik. Auf ganz andere Weise gilt dies auch für viele Menschen, die in den verlassenen Gegenden wohnen, Menschen, die an stillgelegten Tagebauen und Kraftwerken ein Arrangement mit ihren Lebenssituationen finden müssen. Jugendliche wollen wegziehen, das Leben der Älteren im Vorruhestand und das der Jüngeren  gerät zunehmend auch in existenzielle Nöte.

Am Tatort Wohnungswirtschaft, am auffälligen Rückgang der Industriearbeitsplätze, an den neu  entstehenden Peripherien des Rückzugs, die sich als Transfergesellschaft erweisen, stellt Wolfgang Kil Verteilungsfragen, Eigentumsfragen und besteht darauf, die „ökonomischen Problemfälle“ des ungebrochenen Marktvertrauens endlich als „politisches Projekt“ zu begreifen. „Solche Beschreibung der Zustände läuft auf eine derzeit wenig populäre Forderung hinaus: Zur Bewältigung von Schrumpfungsvorgängen wird nicht weniger, sondern mehr Staat gebraucht. Die äußeren Rand- und inneren Schattenzonen des Systems dürfen weder populistischen Seelenfängern noch rabiaten Selbsthelferstrukturen vom Typ „Mafia“ überlassen werden. Die ‚Innere Sicherheit‘ soll hier nicht das Thema sein. Mit Staat sei weniger nach dessen exekutiven als nach dessen legislativen Kompetenzen gerufen: Es geht nicht um mehr oder besser gerüstete Polizeistreifen, sondern um angemessene Gesetze und Verordnungen, also um Rahmenbedingungen, die ein Dasein und ein Handeln in marktfernen Landschaften unterstützen. Und da die Verteilung von Verlusten auf dem Wege einvernehmlicher Dialoge schwer zu erklären ist, wird es ohne starke Regelungskompetenz zur Durchsetzung fairen Ausgleichs wohl nicht gehen.“ (2)

 

1 Kil, Wolfgang, Luxus der Leere. Vom schwierigen Rückzug aus der Wachstumswelt. Wuppertal,  2004

2 Ebenda, S. 62

(Kalenderlatt Mai 2010 – Lausitzkalender)