Der Titel der Streitschrift des Architekturtheoretikers Wolfgang Kil „Luxus der Leere“ hat eine erklärende Unterzeile:  „Vom schwierigen Rückzug aus der Wachstumswelt“.  (1)

Er setzt auf die unpopuläre Forderung nach mehr Staat. Seinem scheinbar restriktiven politischen Zugang  wird man etwas abgewinnen, wenn man auf die gescheiterte Großprojektesubventionspolitik des Bundes und der ostdeutschen Länder schaut, die sich als ständig scheiterndes Projekt einer problemlösungsresistenten Simulationsgesellschaft erweisen. „Mit gigantischen Transfers wird so im Osten der Anschein eines Business as usual aufrecht erhalten, wird Marktwirtschaft gespielt.“ (2) Die direkte Förderung der Menschen in den Regionen – als Grundsicherungs- und Grundeinkommensdebatten in zu wenigen kleinen Zirkeln geführt – ist, so  vermutet Kil, der einfachere, effektivere und ehrlichere Weg der Regionenförderung, besser als wachstumsversessene Wirtschaftsförderprogramme, die ohne Erfolg bei den ökonomischen Wachstumsraten, als auch bei den Beschäftigungsquoten sind.

Doch auch Wolfgang Kil provoziert mit dieser Idee die Vorstellung von einer zweigeteilten Gesellschaft. Auf der einen Seite lebt die Hochleistungsgesellschaft in den urbanen Metropolen, dort wo wenige unter durchaus extremen Bedingungen erwerbstätig sind und auf der anderen Seite leben nicht wenige von Transferleistungen. Es ist nicht ganz ohne Tücken, diese immer wieder sympathische Idee des Grundeinkommens wirklich zu Ende zu denken. Einfach gut allerdings wäre es, sie überhaupt wieder zu denken und eine öffentliche Debatte von politischen Akteuren darüber zu verlangen. Vor allem aber wäre es dringend, die heute so genannten Betroffenen zu ermuntern, ihre Vorstellungen von gesellschaftlicher Integration leben zu können, Räume umzunutzen und ihre Geschicke selbst in die Hand zu nehmen. Dazu würde auch gehören, dass die Fördergelder Ost aus ihrer vorsintflutlichen Vorstellung, was Investitionen seien, befreit werden. Investitionen in Bildung und Wissenschaft würde den Regionen nützen. Jede und jeder weiß es, aber Politik bleibt stur.

Schwierig an allen Ideen vom bedingungslosen Grundeinkommen bleibt allerdings, dass sie die gern von Medien und Politik verschärften Konfliktlinien zwischen Erwerbstätigen und Erwerbslosen weiter auseinandertreiben, dass die alten und neuen patriarchalischen Abhängigkeiten (die „modernen“ Billigjobs sind zu 77 % eine traurige Domäne des weiblichen Geschlechts) weiterhin im Dunkeln bleiben. Wenn nicht zugleich Institutionen, wie Schule und Familie so debattiert werden, dass nicht nur Unternehmen bedient werden, dann wird jede wirklich repressionsfreie Transferleistung an ihrem gesellschaftlichzen Umfeld scheitern. So wie keine Frauenförderung gläserne Decken, Burn out und Doppelbelastung bisher beseitigen konnte, ist der Gedanke des Grundeinkommens selbst nur als soziale Integration fördernder weiterzudenken. Dies erinnert an die vielen anderen Baustellen sozialer Einbindung: Alle wissen, dass man Kinderarmut nicht einfach mit mehr Geld für Familien bekämpft, sondern mit besseren Betreuungsmöglichkeiten, Freizeit- und Bildungsmöglichkeiten.

So müssen auch die Transfers zwischen ernannten Metropolen und ertragenen Peripherien einfach genauer unter die Lupe genommen werden, statt sie ohne Sinn und Verstand in einer Art Bürgergeld möglicherweise schlicht zu zementieren. Wer sind Gewinner, wer Verlierer, wenn wir etwas ändern. Es ist in jedem Fall an der Zeit, dass die Frage nach der sozial würdigen Grundsicherung, nach Mindestlohn und einer wirklichen Infrastruktur für die Alterssicherung ganz oben auf den politischen Agenden stehen.

Doch wir sind mit der Formulierung sozialer Fragen nicht entlassen. Wolfgang Kil deutet auf ein nur selten wahrgenommenes Paradoxon hin, welches das Herstellen von Öffentlichkeit für die Problemtiefe erschwert. Um Schrumpfungsprozesse planbar machen zu können, ist es entscheidend, Lebensbedingungen und Interessenlagen von sogenannten (Modernisierungs-)Verlierern wahrzunehmen. „Eine Wahrnehmung der Verliererperspektive wird erfahrungsgemäß nur gelingen, wenn Planer (wie Politiker) sich erst einmal die vielen Selbstverständlichkeiten bewusst machen, mit denen sie selbst gewissermaßen Gegenpartei sind, d. h. ganz real zu den Gewinnern gehören. Einmal über die manipulative Macht parteiischer Denkschablonen aufgeklärt, werden sie mit ein bisschen selbstkritischer Anstrengung auf ihre eigene unverkennbare ‚Gewinnerrhetorik‘ stoßen.“ (2)

Die Streitschrift ist eine Warnung, das Aufwachen im jetzigen „Experiment Ost“ und die beschriebenen Perspektivwechsel noch länger hinauszuzögern. „Perspektivlosigkeit als Dauerzustand zerstört nämlich alle noch vorhandene Krisenkompetenz.“ (3)
Eine  Politik des Begleitens statt des Beglückens empfiehlt uns der Architekturtheoretiker, „eine gewaltige soziale wie kulturelle Anstrengung mit offenem Ausgang“ (3). Solche Utopien brauchen statt Ellenbogen mehr Praktiken der direkten Mitbestimmung.

1    Kil, Wolfgang, Luxus der Leere. Vom schwierigen Rückzug aus der Wachstumswelt. Wuppertal,  2004

2    ebenda, S. 108

3    ebenda, S. 109

4    ebenda, S. 132

(Kalenderblatt Juni 2010 – Lausitzkalender)