1964. Wer in Lauchhammer eingeschult wurde, feierte im „Koker“. Die Blüschen waren höchstens zwei Stunden weiß und die Fensterbretter wurden vor Eintreffen der Verwandtschaft ein letztes Mal abgewischt. Die Oma kam aus dem luftigen Erzgebirge. Der Opa starb in seinem Garten nahe dem Uranabbau der Wismut AG. Dort waren die jungen Burschen reich und wurden nicht alt. In die Kohle zu gehen, in die Lausitz, war zwar mit einem ewigen Schleier aus Schmutz und Schmiere verbunden, aber es versprach ein längeres Leben.Lauchhammer liegt nicht im Land der Ankunft, nicht im Ruhrgebiet. Es liegt zwischen Katowice und Essen, heute inmitten des Landkreises Oberspreewald Lausitz, zwischen dem Brandenburgischen Lübbenau und dem sächsischen Ottendorf-Okrilla. 1912 wurde in Lauchhammer die erste Hochspannungsleitung der Welt verlegt. Sie führte Richtung Riesa. Bei 110 kVolt wurden die Stahl-Aluminiumseile zwischen den Wiesen durchrieselt. Nur in den Träumen konnte man darauf sitzen wie Krabats Raben.

Dass man das Leben mit der Braunkohle überleben würde, damit hatte vor beinahe 50 Jahren niemand gerechnet. War der reichen Kohle- und Energieregion Lausitz nur ein einziges Jahrhundert Stolz und Arbeit gegönnt? Sind wir Nachfahren in einem selbstgebauten Niemandsland? Entzücken die Brachen der unsichtbaren Möglichkeiten nur Kulturleute? Wo ist das Zuhause des Lunachodmaschinen bauenden Menschen inmitten der eigenen irdischen Mondlandschaften? Was gibt es nach dem Ende der zerstörerischen Weisheit vom Wachstum zu entdecken?

Zeit. Aber wofür?

Die Eingeschulten von einst stehen heute vor einem erfolgreichen Programm städtebaulicher Umkehr, dem Umbau Ost. Sie finden ihre Kindheit kaum wieder. „Mein Spielplatz ist weg“, sagte meine Schwester, als sie 2006 einen jungen Wald erblickt, der über den abgerissenen Häusern gewachsen ist. Sie besuchte alle Orte der Kindheit, fand zu ihrer Freude den „Koker“ und die Gaststätte „Zum Neumond“, bekannt unter dem schönsten Namen für ein Schnellrestaurant „Huschhalle“. Ihre erste Schule ist heute eine Europaschule. Die Kunstgießerei arbeitet seit 1725. Nur das Wohnhaus war verschwunden, hinter dem alle Sommer lang die Zinkbadewannen standen. Darin hupften die kohlebestäubten Kinder aus Lauchhammer 1964, während die Frauen die Wäsche in den staubigen Kohlewind hängten. Am Montag dann fuhren die Frauen und die Männer wieder in die „Schwarze Pumpe“, als Schaufelradkonstrukteure, als Journalistinnen, als stille Kohleputzerin und als Baggerfahrer im Raumschiff.

 

Kalenderblatt September 2010 – Lausitzkalender